„Luthers reformatorische Entdeckung und ihre Folgen für das evangelische Kirchenverständnis“

Vortrag von Prof. Dr. Gisela Kittel auf dem Hannoverschen Pfarrvereinstag

 

Im Turmstübchen des Wittenberger Klosters fand Luther in Röm. 1,17  ‚Der Gerechte wird aus dem Glauben leben‘ den Schlüssel zu einem neuen Verständnis der heiligen Schrift, öffnete ein neues Verständnis für Gottes Handeln am Menschen und das Heilswerk Jesu Christi, ließ den Menschen in seiner Gefangenschaft unter der Sünde und seiner Erlösungsbedürftigkeit erkennen, führte zu einer neuen Sicht auf die Kirche und ihre Sakramente, ließ schließlich den Wert und die Bedeutung der alltäglichen Arbeit und des weltlichen Berufes in den Blick treten, – von der Absage an den Herrschafts- und Machtanspruch des Papsttums ganz zu schweigen.

Aber so, wie wir es von uns selbst ja auch kennen, dass eine neue Entdeckung oder Einsicht ihre Zeit braucht, ehe wir ganz allmählich erfassen, welche Konsequenzen sie in sich birgt, so ist es offensichtlich auch Luther ergangen.[1] Erst die heftigen Kontroversen um das Ablasswesen, erst die wütenden Angriffe seiner Gegner, erst der Fortgang des Prozesses in Rom haben Luther Schritt für Schritt zu dem „Rebellen“ werden lassen, als den ihn Heinz Schilling[2] beschreibt. Ein Rebell, der der mittelalterlichen Kirche buchstäblich den Boden unter den Füßen wegzog.

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Hier sei im Folgenden eine Linie besonders ausgezogen. Es geht um die Konsequenzen, die sich aus Luthers reformatorischer Entdeckung für ein evangelisches Kirchenverständnis ergeben haben und zur Neugestaltung einer auf das Evangelium gegründeten Kirche führten.

I.

 

Die innere und äußere Kirche.

Es ist einsehbar, dass sich Luther, als er den Bannstrahl der Kirche kommen sah, mit der Macht und Wirksamkeit des Bannes auseinandersetzen musste. Er tat es in einer Predigt am 15. Mai 1518, die aber nicht erhalten ist. Da jedoch „etliche gräuliche Späher“[3] seine Predigt abgehört hatten und den Inhalt verleumderisch verdreht nach Rom weitergaben (wo auch gleich die Anklage wegen Ketzerei wesentlich verschärft wurde), fühlte er sich genötigt, in einer kleinen Schrift, zunächst in lateinischer, dann in deutscher Sprache, seine Meinung über die Bedeutung und Macht des Bannes zu veröffentlichen.[4]

 

Gleich zu Beginn dieser Schrift führt Luther eine bedeutsame Unterscheidung ein. Es gibt neben der äußeren, sichtbaren, römischen Kirche auch noch eine andere „Gemeinschaft der Heiligen“.  Diese ist „innerlich, geistlich, unsichtbar im Herzen, das ist, so jemand durch rechten Glauben, Hoffnung und Liebe eingeleibt ist in die Gemeinschaft Christi und aller Heiligen, welches bedeutet und gegeben wird in dem Sakrament (des Altars), und die ist das Werk und die Kraft des Sakramentes. Diese Gemeinschaft mag weder geben noch nehmen irgend ein Mensch, er sei Bischof, Papst, ja auch Engel oder alle Kreaturen, sondern allein Gott selbst durch seinen heiligen Geist muss die eingießen ins Herz des Menschen, der da glaubt an das Sakrament… Also mag auch hierher kein Bann reichen noch sein, denn allein der Unglaube oder Sünde des Menschen selbst, der mag sich selbst damit verbannen und also von der Gemeinschaft, Gnaden, Leben und Seligkeit absondern.“[5]

 

II.

Auch in dem 1520 geschriebenen Sermon „Von dem Papsttum zu Rom wider den hochberühmten Romanisten zu Leipzig“ geht Luther von der gleichen Unterscheidung aus. Es gibt verschiedene Weisen, von der Kirche zu reden. Doch so, wie die Schrift von der Christenheit redet, ist sie eine Versammlung aller Christgläubigen auf Erden. „Diese Gemeinde oder Versammlung umfasst alle, die in rechtem Glauben, rechter Hoffnung und rechter Liebe leben, was zur Folge hat, dass der Christenheit Wesen, Leben und Natur nicht eine leibliche Versammlung ist, sondern die Versammlung der Herzen in einem Glauben … Obschon sie also leiblich tausend Meilen voneinander getrennt sind, heißen sie doch eine Versammlung im Geist, weil jeder predigt, glaubt, hofft, liebt und lebt wie der andere, wie wir vom heiligen Geist singen: ‚Der du hast allerlei Sprach in die Einigkeit des Glaubens versammelt‘.“[6]

 

Doch in dieser Schrift geht Luther noch einen Schritt weiter. Die Kirche steht im Glaubensbekenntnis! „Ich glaube an den heiligen Geist, die (nicht: „an“ die) heilige allumfassende christliche Kirche.“ Wenn aber die Kirche im Credo steht, so muss sie, wie alle Artikel des Glaubensbekenntnisses, eine verborgene Wirklichkeit sein. Denn alles, was man glaubt, das sieht man nicht. Und was man sieht, das glaubt man nicht (weil man es ja sehen kann). Also kann die sichtbare römische Papstkirche nicht die wahre Kirche sein, von der das Credo spricht.

 

„Niemand spricht so: ich glaube an den heiligen Geist, eine heilige römische Kirche, eine Gemeinschaft der Römer; damit es klar sei, dass die heilige Kirche nicht an Rom gebunden, sondern so weit wie die Welt ist, in einem Glauben versammelt, geistlich und nicht leiblich. Denn was man glaubt, ist weder leiblich noch sichtbar. Die äußerliche römische Kirche sehen wir alle; darum kann sie nicht die rechte Kirche sein, die geglaubt wird. Diese ist eine Gemeinde oder Versammlung der Heiligen im Glauben; aber niemand sieht, wer heilig oder gläubig sei.“ [7]

 

III.

Und doch verflüchtigt sich diese Kirche nicht in der Innerlichkeit vereinzelter Personen. Sie schwebt nicht durch den freien Raum des Geistes erleuchteter Seelen. Sie ist in Raum und Zeit vorhanden. Ja, sie erstreckt sich quer durch den Körper der sichtbaren Kirche hindurch, zwar verborgen und doch erkennbar, nämlich an ganz bestimmten Merkmalen, – den „notae ecclesiae“ (Merkzeichen der Kirche). Dazu Luther weiter:

 

„Die Zeichen, an denen man äußerlich merken kann, wo diese Kirche in der Welt ist, sind die Taufe, das Sakrament (des Altars) und das Evangelium, nicht aber Rom, dieser oder jener Ort. Denn wo Taufe und Evangelium sind, da soll niemand zweifeln, dass da auch Heilige sind, und sollten es gleich lauter Kinder in der Wiege sein. Rom aber oder päpstliche Gewalt ist nicht ein Zeichen der Christenheit, denn diese Gewalt macht keinen Christen, wie die Taufe und das Evangelium tun.“[8]

 

 

Nicht an der sichtbaren Gestalt ist Kirche erkennbar

Dies ist ein ganz entscheidender Punkt reformatorischen Kirchenverständnisses. Luther (wie auch Calvin[9]) definiert die Kirche nicht aus sich selbst. Nicht aus ihrer sichtbaren Gestalt ist die Kirche Jesu Christi erkennbar, so mächtig und prunkvoll sie auch als Institution auftreten und so bedeutend sie in den Augen der

Zeitgenossen erscheinen mag. Man kann

sie aber auch nicht von den Aktivitäten und Eigenschaften ihrer Mitglieder her identifizieren. Die Kirche Jesu Christi ist nicht die Gruppe der moralisch Vollkommenen, nicht die Sammlung der wahrhaft Bekehrten, nicht die Schar derer, die den „richtigen“ Glauben oder die „richtige“ politische Einstellung für sich reklamieren. So wie ein Mensch nicht durch seine guten Werke zum Kind Gottes wird, so wird auch die Kirche nicht durch ihre Aufsehen erregenden Veranstaltungen, ihre Aktionen oder Denkschriften zur Kirche Jesu Christi. Das einzige Indiz dafür, dass es die Kirche Jesu Christi unter uns gibt und wo sie sich finden lässt, ist der Aufweis, dass da das reine Evangelium verkündigt wird und dass es Menschen gibt, die sich um das verkündigte Wort Gottes, um Taufe und Abendmahl versammeln. (Vgl. Art. 7 der Confessio Augustana).

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Sehr klar hat Luther diese Sicht in seiner Schrift „Daß eine christliche Versammlung oder Gemeinde Recht und Macht habe, alle Lehre zu beurteilen und Lehrer zu berufen, ein- und abzusetzen, Grund und Ursache aus der Schrift“ formuliert.

 

„Aufs erste ist es vonnöten, daß man wisse, wo und wer die christliche Gemeinde sei, auf daß nicht, wie es die Unchristen allezeit gewohnt sind, unter dem Namen der christlichen Gemeinde Menschen menschliche Vorhaben betreiben. Daran aber soll man die christliche Gemeinde mit Gewißheit erkennen, daß da das reine Evangelium gepredigt wird. Denn gleichwie man an dem Heerbanner als einem bestimmten Zeichen erkennt, was für ein Herr und Heer zu Felde liegt, so erkennt man auch mit Bestimmtheit an dem Evangelium, wo Christus und sein Heer liegt. Dafür haben wir eine feste Verheißung Gottes, Jes.55,I0 f.: »Mein Wort, spricht Gott, das aus meinem Mund geht, soll nicht leer wieder zu mir kommen, sondern wie der Regen vom Himmel auf die Erde fällt und macht sie fruchtbar, so soll mein Wort auch alles ausrichten, wozu ich’s aussende.« Daher sind wir sicher, daß es unmöglich ist, daß da, wo das Evangelium im Gang ist, keine Christen sein sollten, wie wenige es auch immer sein und wie sündlich und mangelhaft sie auch sein mögen; gleichwie es unmöglich ist, daß da, wo das Evangelium nicht im Gang ist und Menschenlehren regieren, Christen sein sollten und nicht bloß Heiden, wie viele es auch immer sein mögen und wie heilig und gut auch immer ihr Wandel sei.“[10]

 

IV.

Der Grund für solche Sätze ist Luthers tiefe, aus der heiligen Schrift gewonnene  Überzeugung, dass Gottes Wort schöpferische Kraft hat. Ein Wort, das aus Gottes Mund geht, kommt nicht wieder leer zu ihm zurück (Jes 55,10f). Es tut, was es sagt.

Daher gilt:

 

Kirche wächst aus dem Wort Gottes

„Wo du nun solches Wort predigen hörest oder glauben, bekennen und danach tun siehest, da habe keinen Zweifel, daß daselbst gewißlich eine rechte »Ecclesia sancta catholica« sein muß, ein christliches heiliges Volk (1. Petr. 2, 9), wenn ihrer gleich sehr wenige sind. Denn Gottes Wort geht nicht ohne Frucht ab (Jes. 55, 11), sondern muß zum wenigsten ein Viertel oder ein Stück vom Acker haben. Und wenn sonst kein Zeichen wäre, außer diesem allein, so wäre es doch Beweis genug, daß daselbst ein christliches, heiliges Volk wäre. Denn Gottes Wort kann nicht ohne Gottes Volk sein, und umgekehrt kann Gottes Volk nicht ohne Gottes Wort sein. Wer wollte sonst predigen oder predigen hören, wo kein Volk Gottes da wäre? Und was könnte oder wollte Gottes Volk glauben, wo Gottes Wort nicht da wäre? Und dies ist das Stück, das alle Wunder tut, alles zurecht bringt, alles erhält, alles ausrichtet, alles tut, alle Teufel austreibt.“[11]

Hierher gehören auch Luthers berühmte Sätze aus seiner Schrift: „Ad librum eximii Magistri Ambrosii Catharini … responsio. 1521.

„Denn das Euangelion ist vor dem Brote und der Taufe das einzige, das allergewisseste und das vornehmlichste Wahrzeichen der Kirche, dieweil sie durchs Euangelion allein wird empfangen, gebildet, genährt, geboren, erzogen, geweidet, gekleidet, geziert, gestärkt, gewappnet, erhalten. Kurz, das ganze Leben und Wesen der Kirche steht im Worte Gottes (tota vita et substantia ecclesiae est in verbo dei), wie Christus spricht: ‚Von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht, lebt der Mensch‘ (Mt 4,4)“[12]

V.

Aus dem Gesagten wird klar, welche Bedeutung für Luther das Predigtamt haben musste und hat.

 

Predigtamt ist Stiftung Gottes

Gewiss sind nach Luthers Erkenntnis alle Getauften zu Priestern geweiht, niemand bedarf einer besonderen Priesterweihe. Alle Glaubenden haben in Jesus Christus den freien Zugang zu Gott als ihrem Vater, dürfen ihn anrufen, vor ihm füreinander in ihren Gebeten eintreten. Aber darum sind nicht alle in das Predigtamt berufen! Denn das Predigtamt ist eine Stiftung Gottes, damit die Gemeinde unter seinem Wort erhalten und in der Lehre der Apostel gefestigt bleibt. Sie soll sich nicht „von jedem Wind einer Lehre“ bewegen und hin und her treiben lassen (Eph 4,14).[13]

In „Eine Predigt, daß man Kinder zur Schule halten solle“ (1530) hat Luther das große Loblied auf das Predigtamt angestimmt:

„Ich hoffe ja, daß die Gläubigen und was Christen heißen will, sehr wohl wissen, daß der geistliche Stand von Gott eingesetzt und gestiftet sei, nicht mit Gold noch Silber, sondern mit dem teuren Blut und bittern Tode seines einzigen Sohns, unsers Herrn Jesus Christus. Denn aus seinen Wunden fließen wahrlich die Sakramente, und (er) hats wahrlich teuer erkauft, daß man in der ganzen Welt solch Amt hat, zu predigen, taufen, lösen, binden, Sakrament reichen, trösten, warnen, vermahnen mit Gottes Wort und was mehr zum Amt der Seelsorge gehört. Denn solch Amt fördert und hilft auch nicht allein, hier das zeitliche Leben und alle weltlichen Stände zu erhalten, sondern gibt das ewige Leben und erlöst vom Tode und von Sünden, welches denn sein eigentliches, vornehmliches Werk ist. Und zwar steht die Welt allzumal und bleibt allein um dieses Standes willen, sonst wäre sie lange zugrunde gegangen.

Ich meine aber nicht den jetzigen geistlichen Stand in Klöstern und Stiften mit seinem ehelosen Wesen… . Sondern den Stand meine ich, der das Predigtamt und den Dienst des Wortes und der Sakramente hat, welches den Geist und alle Seligkeit gibt, die man mit keinem Gesinge noch Gepränge erlangen kann, als da ist das Pfarramt, Lehrer, Prediger, Leser, Priester (die man Kaplan nennt), Küster, Schulmeister und was zu solchen Ämtern und Personen mehr gehört, welchen Stand die Schrift wahrlich hoch rühmt und lobt. Paulus nennt sie Gottes Haushalter und Knechte, Bischöfe, Doktoren, Propheten, dazu auch Gottes Boten, die Welt mit Gott zu versöhnen…

Ist nun das sicher und wahr, daß Gott den geistlichen Stand selbst mit seinem eigenen Blut und Tod eingesetzt und gestiftet hat, ist leicht zu errechnen, daß er denselben hoch geehrt haben und nicht leiden will, daß er untergehen oder aufhören solle, sondern ihn bis an den Jüngsten Tag erhalten haben will. Denn es muß ja das Evangelium und die Christenheit bleiben bis an den Jüngsten Tag, wie Christus Matth. 28, 20 sagt: »Siehe, ich bin bei euch bis an der Welt Ende.«[14]

 

Es muss ein jeglich Dorf und Flecken einen eigenen Pfarrer haben

Von hieraus fordert Luther – und dies schon in der Adelsschrift 1520[15]  – dass „nach Christus und der Apostel einsetzen ein ygliche stadt einen pfarrer odder Bischoff sol haben“. In der Schrift „Von den Konzilien und der Kirche“ rechnet Luther 1539 unter die jetzt sieben aufgezählten Merkmale, an denen man die Kirche Jesu Christi erkennen kann, an fünfter Stelle das Predigtamt. Und seine Zeitgenossen, die offenbar keine Lust mehr hatten, ihre Kinder zur Schule zu schicken, so dass der zukünftige Pfarrermangel absehbar wurde, vermahnt Luther in einer Tischrede in der ersten Hälfte der dreißiger Jahre:

„In kurtz wirds an pfarherrn und predigern so seer mangeln, das man die itzige aus der erde würde er aus kratzen, wenn mans haben kunde. Dann werden die papisten und auch unsere baurn sehen, was sie gethan haben. Der ertzten und juristen bleibt genug, die welt zu regirn. Man mus 200 pfarherr haben, da man an einem juristen gnug hat … Es mus ein iglich dorff und flecken einen eigen pfarrherr haben. Mein gnädiger herr hat an 20 juristen gnug, dagegen mus er wol ein achzehenhundert pfarrherr haben. … Wir mussen noch mither zeit aus juristen und medicis pfarrherr machen, das werdet ir sehen.“[16]

 

Dies ist ein deutlich anderes Konzept als das, welches in der „Kirche der Freiheit“ propagiert wird und in manchen Landeskirchen bereits umgesetzt wurde. Hier geht es nicht um einzelne „Leuchtfeuer“, die in die Gesellschaft hineinstrahlen sollen, Orte, an denen „die evangelische Kirche…die Fülle ihrer geistlichen Kraft“ zeigen will[17], während die ländlichen Gebiete geistlich veröden dürfen. Luther geht es um die Menschen. Sie sollen dort, wo sie leben, das Evangelium hören, seelsorgerlich erreicht und in der Gemeinschaft der Glaubenden den dreieinigen Gott bezeugen und loben können.

 

VI.

 

Nicht herrschen – dienen

Luther hat sich Zeit seines Lebens schwer getan, Neuerungen in der Kirche einzuführen. Erst wenn er ganz gewiss sein konnte, dass dies abgeschafft, jenes neu gestaltet werden müsse, und wenn er gewisse Gründe aus der Schrift dafür wusste, hat er sich ans Werk gemacht. Und dies mit aller Behutsamkeit, ohne Zwänge. Denn erst müssen die Herzen gewonnen sein, so betont Luther immer wieder, ehe man in Gottesdienst, Liturgie, äußerer Kirchenorganisation etwas ändern dürfe. Ein schönes Beispiel hierfür ist Luthers zweite Predigt, die er – angesichts der Wittenberger Unruhen von der Wartburg herbeigeeilt – in der Woche nach Invocavit 1522 in der Schlosskirche in Wittenberg hielt.[18] Aber auch in späteren Texten hat er diesen Grundsatz, dass niemand aus eigenem Belieben die Kirche umgestalten dürfe, den in der Kirche „Regierenden“ eingeschärft. So soll ein Zitat aus den Predigten Luthers über den ersten Petrusbrief 1523 hier am Ende stehen:

 

„So yemand eyn ampt hat, das ers thue als auss dem vermügen, das Gott dar reycht.“

(1.Petr 4,11)

 

„Das ist: wer da regirt ynn der Christlichen kirchen und eyn ampt odder eyn dienst hatt die seelen zuversorgen, der soll nicht faren wie er will, und sagen: ‚Ich byn ein uber herr, man muss mir gehorchen, was ich schaff, das soll geschafft seyn.‘ Gott will es also haben, das man nichts anders thun soll, denn war er gibt, Also, das es Gottis werck und ordnung sey. Darumb soll eyn Bischoff nichts thun, er sey denn gewiss, das es Gott thut, das es Gottis wort odder werck sey. Und das darumb, denn Gott will nicht, das mans fur gauckelspiel halte, was er mit der Christlichen kirchen thut.“[19]

 

 

Zusammenfassung in sechs Thesen:

1.      Luther hat das Kirchenverständnis wieder vom Kopf auf die Füße gestellt. Die Kirche ist nicht eine irdische, sichtbare Großorganisation, hierarchisch geordnet, in der kirchliche Vorgesetzte, die „Über-Herren“, ihre Weisungen nach unten durchgeben und die Macht haben, deren Befolgung zu kontrollieren, deren Nichtbefolgung zu sanktionieren.

2.      Die Kirche Jesu Christi ist die Kirche des Wortes. In ihrem Zentrum steht das Evangelium von Jesus Christus: die rettende, tröstende, richtende, zurechtbringende Anrede Gottes an den in seiner Sünde gefangenen Menschen.

3.      Daher gehören die Wortämter in dieser Kirche an die erste Stelle. Ohne Prediger, Lehrer, Seelsorger – und ich füge hinzu: ohne Kirchenmusiker – kann eine evangelische Kirche nicht sein.

4.      Weil das Wort Gottes allein die Macht hat, in die Herzen der Menschen einzudringen und Glauben zu wecken, daher ist es nötig, dass überall dort, wo Christen leben – also nicht nur in den Zentren, sondern gerade auch in den ländlichen Gebieten – zum Wortdienst berufene Menschen da sind, die die Gemeinde unter das Wort Gottes sammeln und zur Antwort des Glaubens einladen.

5.      Eine auf das Evangelium ausgerichtete Kirche lässt Raum für das Wirken des lebendigen Gottes und seines heiligenden Geistes. Die Hybris, dass wir selber es sind, die die Kirche in die Zukunft hinein erhalten und wachsen lassen und dass wir dies mit den entsprechenden Zielvorgaben, Planungen und Steuerungsinstrumenten auch tun können, führt in die Selbstzerstörung. Denn sie klammert Gott aus.

6.      Eine Kirche, die darum weiß, dass sie auf das Wirken des lebendigen Gottes und seines heiligen Geistes angewiesen ist, kann nur eine demütige Kirche sein.

 

In den Jahren 1534 und 1538 machten sich Luthers Freunde daran, die Thesen und Resolutionen Luthers aus der Zeit des Ablassstreites noch einmal zu veröffentlichen. Ich schließe meinen Vortrag mit dem Schlussabsatz Luthers aus seinem Vorwort:

„In Summa, wir sind nichts, Christus allein ist alles. Wenn der sein Angesicht abwendet, gehen wir zugrunde und der Satan triumphiert, auch wenn wir Heilige, wenn wir Petrus und Paulus wären. Daher wollen wir unsere Seelen unter die gewaltige Hand Gottes demütigen, damit er uns zu seiner Zeit erhöhe. Denn Gott widersteht den Hoffärtigen, aber den Demütigen gibt er Gnade (1. Petr. 5, 5f.). Wie nun vor Gott ein geängsteter Geist ein Opfer ist (Ps. 51, 19), so ist ohne Zweifel ein halsstarriger und selbstsicherer Geist ein Opfer des Teufels. Gehab dich wohl in dem Herrn, und wenn du es nötig hast, bessere dich durch meine Arbeit und mein Beispiel.“

Prof. Dr. Gisela Kittel                                                                                                            Detmold

(Gekürzter Vortrag vom Hannoverschen Pfarrvereinstag am 13.3.2017)

 

 

 



[1] Ich folge auch heute der älteren Lutherforschung, die das Turmerlebnis noch vor dem Ablassstreit ansetzte. Denn die frühen Vorlesungen und Disputationen Luthers und sein seelsorgerlicher Brief an den Klosterbruder Spenlein lassen die neue exegetische und systematische Entdeckung schon vor dem Ablassstreit erkennen.

[2] Heinz Schilling, Martin Luther. Rebell in einer Zeit des Umbruchs. Eine Biographie, München 2012.

[3] Heinrich Boehmer, Der junge Luther, Stuttgart 19625 , 188.

[4] In WA 1; 638-643 ist die lateinische Fassung von 1518 abgedruckt. In WA 6; 63-75 findet sich der 1520 herausgegebene deutsche Text: „Ein Sermon von dem Bann“.

[5] WA 6; 64,3-13. Heutiger Sprache und Schreibweise angeglichen.

[6] WA 6; 293,1-8. Zitiert nach der in unser Deutsch übertragenen Fassung in: Gerhard Ebeling/ Karin Bornkamm (Hrsg.), Ausgewählte Schriften, Frankfurt 1982, Band III, 19.

[7] WA 6; 300,34-301,2. Zitiert nach: Ausgewählte Schriften III, 31.

[8] WA 6; 301,3-8. Zitiert nach: Ausgewählte Schriften III, 31.

[9] Vgl. Johannes Calvin, Institutio christianae religionis IV, 1,8ff, und seinen Kommentar zur Apostelgeschichte, in: Auslegung der Heiligen Schrift in deutscher Übersetzung, Neukirchen o.J., Band 11, 58. Zu Apg. 2,42: „Wo also nur immer die lautere Stimme des Evangeliums erschallt, wo die Menschen im Bekenntnis dazu verharren, wo sie mit Erfolg sich üben, dieselbe regelmäßig zu hören, da ist ohne Zweifel die Kirche.“

[10] WA 11; 408,5-21. Zitiert nach: Ausgewählte Schriften, Band V, 8.

[11] Luther, Von den Konzilien und der Kirche, 1539. WA 50; 629,28-630,4. Zitiert nach Aland, Luther deutsch, Band 6, 35f.

[12] WA 7; 721,9-14. Zitiert nach Emanuel Hirsch, Hilfsbuch zum Studium der Dogmatik, Berlin 1964, 202.

[13] Zur Unterscheidung und zum Zusammenhang zwischen dem allgemeinen Priestertum der Getauften und der Stiftung des Predigtamtes bei Luther vgl. jetzt Werner Führer, Reformation ist Umkehr, Göttingen 2016, 81-97.

Weder kommt dem Amt eine Priorität vor der Kirche zu, noch kann es ihr unterstellt werden. Beide, die Kirche als das Priestertum aller Gläubigen und das von Gott gestiftete Verkündigungsamt, sind gleich ursprünglich. Sie stehen beide „in einer Ursprungsrelation zu Christus“. Daher „ist jeder Prioritätenstreit zwischen beiden unsachgerecht“ (93).

 

[14] WA 30 II; 526,17-530,7. Zitiert nach Aland, Luther deutsch, Band 7, 230-232.

[15] An den christlichen Adel deutscher Nation: Von des christlichen Standes Besserung, WA 6; 440,21f.

[16] WA TR 1, 843.

[17] Kirche der Freiheit. Impulspapier des Rates der EKD, Hannover 2006, 59 (3. Leuchtfeuer).

[18] Acht Sermone, gepredigt zu Wittenberg in den Fasten 1522, WA 10 III; 1-64. Zweite Predigt: 10 III; 13-20.

[19] WA 12; 379,30-380,5

Vorstandsbericht zur MV am 13.3.2017 Hannover-Stephansstift

von Andreas Dreyer, Vorsitzender des Hannoverschen Pfarrvereins

Hiermit erstatte ich den Bericht für die Vorstandsarbeit seit der letzten MV im März 2016.
Unser Vorstand hat auch in dieser Periode wie stets regelmäßig getagt, sich mit den satzungsgemäßen Aufgaben befasst und in einer Vielzahl von Gesprächen mit Kirchenleitenden, mit Eingaben an Synode und LKA und mit Veröffentlichungen so unsere legitimen Anliegen in die kirchliche und weitere Öffentlichkeit hineingetragen. Ich nenne – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – ein intensives Gespräch mit unserer Präsidentin, ebensolche Gespräche mit den beiden Synodalgruppen von LVK und GOK, Gespräche mit dem LSA, mit dem Leiter der Rechtsabteilung u.a. Auch durch mehrere Interviews und Meinungsbeiträge in überregionalen Publikationen konnten wir für unsere Kernanliegen werben und so die entscheidende Öffentlichkeit herstellen. Denn nur so werden wir Einfluss auf die Entwicklung nehmen können, die die Kirche andernfalls negativ verändert und unsere Rechte und unseren Auftrag weiter einschränkt.

Mitgliederbestand
Die Mitgliederentwicklung in unserem Verein verlief im Berichtszeitraum weiter sehr positiv, unser Mitgliederbestand steigt weiter an, v.a. durch die Aufnahme von Vikarinnen und Vikaren, vereinzelt aber auch durch Aufnahmen von Aktiven. Insbesondere gab es auch durch Landeskirchenwechsel Neuzugänge. So beträgt die aktuelle Mitgliederzahl 1.655 Mitglieder. Dieser historische Höchststand ist umso beachtlicher, als die Zahl der aktiven Pfarrer durch die Stellenstreichungen seit dem Höchststand vor der Jahrtausendwende nunmehr schon deutlich abgenommen hat (ca. -400). So geht ‚Wachsen gegen den Trend‘! – Wir werten dies als Zeichen der Würdigung und Wertschätzung unserer Vereinsarbeit: Pastor*Innen erkennen, dass es nur gemeinsam gelingen kann, pastorale Interessen in den Meinungsbildungsprozess einzusprechen.

Glücklicherweise konnten bisher auch in diesem Zeitraum die Mitgliedsbeiträge weiterhin stabil gehalten werden, obwohl die Kosten für die Vereinsarbeit wie auch die Umlage an den Verband stetig gestiegen sind. In diesem Kontext hoffen wir inständig, dass die Bestrebungen zur Weiterfinanzierung des Verbandsvorsitzenden durch die beurlaubende Landeskirche über 2017 hinaus Erfolg haben mögen, damit diese Kosten nicht auf die Vereine umgelegt werden müssen. Denn dies würde für uns eine Zusatzausgabe von mehr als 10.000. € jährlich bedeuten. Auch deshalb hatten wir uns gegenüber dem Verband permanent dafür ausgesprochen, dass diese Kosten durch die EKD oder die jeweilige Landeskirche oder eine Umlage der Landeskirchen aufzubringen sei, denn der Verband übernimmt schließlich gegenüber der EKD Aufgaben im Sinne einer Pfarrvertretung, für die bekanntlich die Landeskirchen ja ebenfalls Freistellungskontigente aufbringen. Bekanntlich hatte jedoch die MV des Verbandes im Herbst in Travemünde mehrheitlich entschieden, dass diese Kosten im Falle des Scheiterns der Bestrebungen durch die Vereine aufzubringen seien. Auch wenn wir mit unserer Sichtweise letztlich in der Abstimmung unterlegen waren, hoffen wir doch, dass dieser Vorratsbeschluss nicht benötigt werden möge!

 

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Landeskirchliche Themen:  Ephorenbesoldung
Eines der zentralen Themen im vergangenen Jahr in unserer Landeskirche und somit auch im Verein war sicherlich die Diskussion um die Ephorenbesoldung, die bekanntlich durch eine Zulage auf A16 angehoben werden soll. Gemeinsam mit der Pfarrvertretung, dem PA, haben wir uns nachdrücklich für ein Verbleiben auf der Besoldungsstufe A15 ausgesprochen. Und dies auch intensiv begründet – und zwar ekklesiologisch wie auch kybernetisch. Es gab in diesem Zusammenhang eine Reihe durchaus schwieriger Gespräche mit Kirchenleitenden und mit kirchenleitenden Gremien, mit Vertretern der Ephoren wie mit den beiden Synodalgruppen. Dabei wollte man uns vereinzelt sogar das Recht dazu bestreiten, uns zu dieser Frage überhaupt zu äußern. Ein Ansinnen, das wir natürlich zurückgewiesen haben, das aber zugleich deutlich zeigt, wie schwer sich manche in unserer Kirche mit Kritik tun.

Wir halten als HPV nach wie vor eine zu große Spreizung bei den Theologen-Gehältern in der evangelischen Kirche für grundsätzlich  falsch. Denn es muss darum gehen, dem bewährten gut reformatorischen Grundsatz ‚ein Amt in unterschiedlichen Funktionen‘ auch faktisch und nicht nur proklamatorisch Ausdruck und Gewicht zu verleihen   – und eben ein hierarchisches und somit nicht-reformatorisches Amtsverständnis mit Herrschaftsstufen wie in der katholischen Kirche von vornherein zu verhindern.

Schließlich haben wir alle die gleiche Ausbildung, die viele PastorInnen mit Prädikatsexamina abschließen. Wir alle haben Anteil an dem einen Amt der Verkündigung und Sakramentsverwaltung (CA V / VII.),das nach Barmen IV herrschaftsfreier Dienst zu sein hat. Demzufolge ist unser Miteinander geschwisterlich auszugestalten, und zwar in erster Linie  durch sichere und nicht veränderbare Stellen. Bedingt durch die Stellenstreichungen im Pfarrdienst ist die Arbeitsverdichtung aber auch so schon enorm, die jedochdurch die weitere Reduzierung des eh schon geringen Gemeindeanteils im Ephorenbereich noch weiter verstärkt worden ist. Eine Ämterhierarchie samt Stellenkegel wie beim Staat oder wie in einem Konzern oder auch wie in der der katholischen Kirche nachzubilden, ist abwegig, weil sie   unsere reformatorischen Errungenschaften und  Traditionen geradezu auf den Kopf stellen würde: Gerade im Reformations-Gedenkjahr sollte man dies beherzigen, aber auch unter Verweis auf Barmen III und insbes. IV: Die verschiedenen Ämter in der Kirche begründen keine Herrschaft der einen über die anderen, sondern die Ausübung des der ganzen Gemeinde anvertrauten und befohlenen Dienstes.
Es kann folglich nicht um Subordination gehen, sondern vielmehr  um ein Miteinander in gegenseitiger Wertschätzung und Achtung . Dabei steht nicht mehr und nicht weniger als die Glaubwürdigkeit unserer gesamten Kirche auf dem Spiel.

In gar nicht so lange zurückliegender Zeit beschränkte man sich bei den Anreizen für besondere pastorale Verantwortungsbereiche wie Sup, Lasup etc.  deshalb auch bei uns  auf vergleichsweise geringe Zulagen zum Pfarrgehalt. Warum wurde dieser Weg überhaupt verlassen? In Bremen, Oldenburg und Reformiert, unseren Nachbarkirchen im Nordwesten, gilt dies schließlich immer noch , ohne dass die kirchliche Arbeit dort darunter leiden würde. Bremen und Oldenburg kennen keine Ephoren, und diese Kirchen sind nicht minder erfolgreich wie wir, im Gegenteil. In der Reformierten Kirche erhalten die Ephoren so eine Zulage von 300 €/Monat auf das Pfarrgehalt. In Bremen sind nahezu alle Kollegen im Gemeindedienst, es gibt weder Ephoren noch Visitationen – und die Arbeit gelingt auch. Denn Pastor*Innen können eigenverantwortlich leiten und entscheiden, weil sie wissen, was Selbststeuerung ist, was intrinsische Motivation bedeutet.

Wäre es darum nicht insgesamt viel sinnvoller gewesen, eine frühere A14-Durchstufung (10. statt 12. Stufe) als bisher auf den Weg zu bringen, wie wir es mehrfach gefordert hatten? Oder auf die Bundesbesoldungsordnung /BBO umzustellen, die allen etwas bringen würde und nicht nur einigen wenigen….  So, wie Bremen, die Nordkirche, die hessischen Kirchen u.a. es getan haben und wie es nach dem PfDG-EKD ursprünglich auch bei uns einmal vorgesehen war? Die bisherige Regelung wird jedenfalls zunehmend als unbefriedigend empfunden und sollte von daher dringend geändert werden, damit uns nicht der Nachwuchs durch Abwanderung in andere Landeskirchen verloren geht.

Kirchenkreis-Pfarramt
Ebenfalls äußerst kritisch haben wir das Projekt einer Einführung des sog. Kirchenkreis-Pfarramtes in unsere Landeskirche bewertet und begleitet, das nun im KK Lüchow-Dannenberg gegen unser Votum an den Start gegangen ist. Die Gemeindepfarrstellen dort werden jetzt beim Kirchenkreis angesiedelt. U. E. widerspricht dies der zentralen reformatorischen Wertschätzung der Gemeinde, die Luther wie die anderen Reformatoren als zentrale Handlungsebene für den kirchlichen Dienst ausgemacht hatten: Luther übersetzte „ecclesia“ bekanntlich ausnahmslos mit Gemeinde, und das aus gutem Grunde. Das Subsidiaritätsprinzip der Förderung der lokalen Ebene hat für uns und unsere Kirche eine zentrale ekklesiologische Bedeutung, wohingegen der Grundsatz von Kirche der Freiheit, die Stärkung der mittleren Ebene, ohne Angaben von theologischen Gründen forciert wurde und wird.

Auch wenn wir derzeit leider damit wenig Gehör finden, so hoffen wir doch, dass es hier rasch  zu einem Umdenken und einer Wiederentdeckung der zentralen reformatorischen  Botschaft auch bei uns kommen möge. Wir vertrauen darauf, dass wenigstens die Zusicherung der Leitung, dass NICHT an eine Ausweitung über diesen einen speziellen KK mit seinen Sonderbedingungen hinaus gedacht ist, auch eingehalten wird.Wir werden den Verlauf des Projektes weiterhin kritisch beobachten.

 „KMU V“
Diesen Auftrag  haben wir jedenfalls den Ergebnissen der KMU V  entnommen, die das Sozialwissenschaftliche Institut der EKD nun endlich –wenngleich mit erheblicher Verspätung – vorgelegt hat.. Das war bekanntlich auch das Thema unseres letztjährigen Pfarrvereinstages. Darin wurden uns Pastor*Innen eine hohe Wertschätzung unserer Kirchenglieder bescheinigt, verbunden mit dem Wunsch, dass doch endlich die Arbeit in den Gemeinden stärker gefördert und wertgeschätzt werden möge. Diese gesicherte Erkenntnis gilt in einem Flächenland wie Niedersachsen in noch stärkerem Maße als anderswo: doch nach wie vor sind die Gemeindebezirke bei uns deutlich größer als andernorts. Von daher fordern wir von unserer Kirche eine  Abkehr der Mittelumschichtung weg von Großprojekten, Leuchttürmen, Doppik  etc. hin zu einer flächendeckenden guten pfarramtlichen Versorgung samt Wertschätzung auch kleinerer Gemeinden, die auch bei uns dank guter Kirchensteuer-Einnahmen durchaus möglich wäre.

In Sachsen sind 1.600 Gemeindeglieder für eine volle Pfarrstelle ausreichend, in SL sogar nur 1.350, wie wir gerade gehört haben. Im Bundesschnitt sind es 1.800 Seelen – warum geht das bei uns nicht? Doch, es ginge durchaus, nur müsste man dann auf sog. Leuchttürme verzichten, die bekanntermaßen wenig bringen und sehr viel kosten und kaum Kirchenmitglieder binden, eher noch für höhere Mitgliederverluste sorgen.

Denn nur dann, wenn wir nah bei den Menschen bleiben und im direkten Kontakt zu ihnen stehen, wird es gelingen, den für die Zukunft der Kirche entscheidenden Mitgliederbestand zu stabilisieren und auch hinreichend Nachwuchstheologen dafür zu gewinnen und durch im Vergleich zu anderen Landeskirchen gute Rahmenbedingungen zu halten, so dass wir auch fortan in der Fläche  bleiben können, obwohl es oft schwierig ist, dort einen Arbeitsplatz für den Ehepartner*In zu finden.  -. Ja, es liegt an uns allen, die wichtigen Ergebnisse der KMU weiterhin überall einzusprechen und entsprechende Kurskorrekturen von unserer Kirche einzufordern. Bitte helfen Sie, helft Ihr dabei mit!

Nachwuchs
Das Thema Nachwuchswerbung – Nachwuchsgewinnung – Nachwuchs-Erhalt ist inzwischen – auch durch unser stetes Lamento  – überall angekommen. In diesem Jahr 2017 werden erstmals seit sehr langer Zeit wieder mehr freie Pfarrstellen vorhanden sein, als es Bewerber*Innen gibt. Und diese Entwicklung wird sich in den kommenden Jahren sogar noch enorm verstärken. Nämlich dann, wenn ab 2020 die geburtenstarken Jahrgänge in den Ruhestand treten werden. Tlw. bis zu 100 Kollegen p.a.! Für uns Betroffene, die wir in Zeiten der sog. „Theologenschwemme“ unsere Ausbildung gemacht haben (und oft  auch Wartezeiten, unfreiwillige Teildienste, KdP-Zeiten usw. durchlaufen mussten) eine fast unvorstellbare Situation, dass es so wenig Nachwuchs gibt und viele Stellen frei werden! Die Berechnungen aller Landeskrichen zeigen die zunehmende Unterdeckung bei der pfarramtlichen Versorgung für die kommenden Jahre an.

Ein Wettbewerb um die besten Köpfe setzt jetzt bereits unter den Landeskirchen ein. Auch wenn die Gewinnung neuen Nachwuchses durchaus erste kleine Erfolge zeigt, bleibt doch klar: bis aus einem Studienanfänger ein Probepastor*in wird, vergeht annähernd ein Jahrzehnt! Viel potentieller Nachwuchs wurde vergrault, weil die Arbeitszufriedenheit der amtierenden Pfarrerschaft mehr und mehr absank – allzu verständlich, wenn kein Bestandsschutz für Stelleninhabern*Innen gewährt, durchregionalisiert und pastoren-feindlich gehandelt wurde. Wir haben uns von daher dafür eingesetzt, den Pfarrberuf wieder attraktiver zu machen: durch verbesserte Pfarrwohnungen,  Dienstwagen,  überschaubare Pfarrbezirke und gute Rahmenbedingungen. Nur im Dienst zufriedene Pastor*innen werden auch wirklich Nachwuchs werben. Nur dann, wenn Abiturient*innen spüren, dass dies ein attraktiver Beruf ist, werden sie sich auf das Studienziel „Pfarramt“ einlassen.

Als HPV sind wir für gute Initiativen und Vorhaben stets auch ‚zu haben‘, wir sind nicht grundsätzlich gegen Veränderungen, wie mitunter fälschlicherweise behauptet wird. So unterstützen wir alle Bestrebungen wie Studiendarlehen, Fördermaßnahmen für die Vikare und Vikarinnen und auch Bestrebungen für die Gewinnung von Menschen in der Lebensmitte für den pfarramtlichen Dienst (‚Marburger Modell‘ u.a.).
Salutogenese
Daneben wird auch das Thema Salutogenese- – „gesund bleiben im Pfarrberuf“ mehr und mehr an Bedeutung gewinnen. Viele Kollegen sollen und müssen  noch jenseits der 60 in den im Vergleich zu früher deutlich größeren Pfarrbezirken ihren Dienst tun – bald sogar bis 67, obwohl nachweislich mit zunehmenden Lebensalter bestimmte Arbeitsbereiche schwerer fallen. Projekte und Unterstützungen dazu, gesund bis zur Pension zu bleiben (und natürlich auch über den Pensionseintritt hinaus), sollten von daher so schnell wie möglich angegangen werden. Da wir schon keine 60er-Regelung mehr haben, gilt es, wenigstens hier spürbare Entlastungen zu erreichen. Dies ist letztlich auch im Interesse unseres Dienstherrn, der andernfalls immer weniger Theolog*Innen zur Verfügung haben wird.

 Beratungsarbeit

Die Einzelfallberatung in Rechtsfragen, Beihilfe- und Versorgungsfragen und bei Problemen in der Gemeinde bzw. im Kirchenkreis hat leider ebenfalls weiter zugenommen – Folge auch des Stellenabbaus und der Arbeitsverdichtung in den letzten Jahren, aber auch der Stärkung der mittleren Ebene auf Kosten der Kirchengemeinden und der Gemeindepfarrämter. Mitunter haben wir Kolleg*Innen so auch zu den oft entscheidenden Dienstgesprächen ins LKA begleitet. Manchmal reichte auch telefonischer Rat. Diese Arbeit war intensiv und zeitaufwändig, aber sie ist für unser solidarisches Verständnis von Vereinsarbeit zentral. Wir fordern hier auch nicht mehr als das, was recht und billig ist: den Einklang mit den LandesbeamtInnen, der uns ja rechtlich auch zugesagt ist. Dies gilt unbedingt auch für Langzeiterkrankte. Ich danke hier insbes. unserem Dienstrechtsberater Herbert Dieckmann für seinen hohen Arbeitseinsatz. Wir hoffen, dass wir allen Anfragenden gerecht werden konnten und werden weiterhin versuchen, zu tun, was uns möglich ist. Auch der Dienstrechtsberater des Verbandes, Herr Wilker, hat uns dabei tatkräftig mit seiner Expertise unterstützt, auch ihm danke ich an dieser Stelle.

Buchprojekt ‚Kirche der Reformation‘ mit verantwortet

Wir befinden uns bekanntlich im Jahr des Reformationsgedenkens, im 500. Jahre nach dem Thesenanschlag Luthers. Für uns der richtige Zeitpunkt, die zentralen Aussagen der Reformatoren zum pfarramtlichen Dienst unserer und den anderen Landeskirchen erneut ins Stammbuch zu schreiben . Dazu gehört unaufgebbar die Wertschätzung der Gemeinde und die Einführung des Subsidiaritätsgedankens: der kleineren, der basisnahen Ebene gebührt der Vorrang vor allen anderen. Landeskirchen, die häufig nach außen viel an reformatorischer Botschaft verkünden wollen, aber sich im internen Bereich, vor allem im Umgang mit Pfarrerinnen und Pfarrern, in den letzten Jahren wahrlich nicht immer mit Ruhm bekleckert haben, sind unglaubwürdig. Die Reformation stellt keineswegs primär Forderungen an die Gesellschaft, sondern v.a. an die Kirche!  – In Zusammenarbeit mit Frau Dr. Kittel, die wir ja heute Vormittag gehört haben, ist so das Buchprojekt „Kirche der Reformation? Erfahrungen mit dem Reformprozess und die Notwendigkeit einer Umkehr… „ entstanden, in dem wir den Landeskirchen einen Spiegel vorhalten und in aller Deutlichkeit sagen:
Wer der Gesellschaft die Reformation ansagt, muss auch im Kern selbst reformatorisch handeln.
Wir haben das Buch, an dem Herbert Dieckmann und ich aus unserer Landeskirche, aber auch viele andere mitgearbeitet haben, allen Sprecher*Innen zur Verfügung gestellt und bieten hier und heute, aber auch fortan durch die Geschäftsstelle weiterhin reduzierte Autorenexemplare an. Ich danke dem Vorstand, dass er dieses wichtige Buchprojekt so mit unterstützt hat. Auch wenn es teilweise hart ist, die Berichte darin zu lesen: es lohnt sich!

Kollegialer Austausch über Landeskirchen hinweg

Was uns letztlich immer wieder ermutigt, ist der Austausch mit KollegInnen aus anderen Landeskirchen. Weil wir dadurch erkennen: es kann auch ganz anders gehen als bei uns.Und diese Erkenntnis ist für alle sehr wertvoll . Im letzten August fand eine Vorstandsbegegnung mit unseren sächsischen Kolleg*innen in Leipzig statt. Auch wenn dies wahrscheinlich die letzte gegenseitige Begegnung dieser Art war – auch der Zeitnot und Arbeitsverdichtung geschuldet – so war es doch ein gutes, interessantes und spannendes Treffen, bei dem wir viele Einblicke in das geistliche Leben der sächsischen Landeskirche bekamen und intensiv miteinander diskutiert haben. Erinnerlich ist mir v.a. das Gespräch mit dem Leipziger Stadtsup. Henker, der uns über die Arbeit in Leipzig und Umgebung berichtete. Trotz  unvermeidbarer Stellenstreichungen ist man dort erstaunlich nah bei den Menschen (1.600 Seelen/Pfarrstelle) und erreicht auf diese Weise dann auch, gegen den Trend zu wachsen: die Zahl der Kirchenglieder steigt an, wenngleich in überschaubarem Rahmen.
Ähnliches ließe sich für die just gewesene Nordschiene sagen, den Austausch mit all den andern Nordvereinen, die regelmäßig . von Rosenmontag bis Aschermittwoch stattfindet. In diesem Jahr waren wir als HPV wieder einmal als Ausrichter dran. Auf meinen Vorschlag hin tagten wir in Bergkirchen im Bereich der Schaumburgischen-Kirche, wo uns auch Landesbischof Dr. Manzke zu einem Austausch besuchte. Es waren informative Tage, in denen wir einen Einblick in die Arbeit in dieser kleinen Kirche bekamen – eine gemeindenahe Kirche, in der Ortsnähe großgeschrieben  und mit Erfolg versucht wird, die Overhead-Kosten für Verwaltung etc. möglichst gering zu halten..

Neuwahl des Vorstandes

Im Herbst ist bei uns ein neuer Vorstand zu wählen. Sechs Jahre lang haben wir versucht, die zentralen Themen aus Eurer, unserer Mitte aufzunehmen und dranzubleiben. Ich denke, es ist eine gute Kooperation gewesen, für die ich allen Vorstandsmitgliedern sehr herzlich danke – ich hoffe, dass wir auch in Eurem Sinne gehandelt haben, wenn wir bestimmte Themen gewichteten . Seitens des Vorstandes arbeiten wir derzeit an einem Wahlvorschlag, den wir dann auf der Sprecherversammlung am 11.9. 2017, dem Zeitpunkt derWahl , unterbreiten werden, der aber dann natürlich auch noch, wie es die Satzung vorsieht, durch weitere Kandidaturen verändert werden kann. Wer sich eine Mitarbeit im Vorstand vorstellen kann oder Vorschläge unterbreiten möchte, kann uns dies aber auch hier oder später noch  mitteilen. Wir werden dann versuchen, dies soweit möglich zu berücksichtigen.

Aus dem Verband

Nicht nur unser Vereinsvorstand, auch der Verbandsvorstand  wird im Herbst neu  gewählt werden, auch dort sind sechs Jahre vergangen. Auf Vorschlag unseres Vereins bin ich wiederum für den Verbandsvorstand nominiert worden und werde Ende September in Münster auf der MV des Verbandes kandidieren.
Über die im Verband lange kontrovers diskutierte Frage der Umlage-Finanzierung des Verbandsvorsitzenden habe ich bereits eingangs gesprochen. Hoffen wir inständig, dass eine Verlängerung der Freistellung bei Kostenübernahme durch die betr. Landeskirche gewährt werden wird, damit unser Verein nicht die vergleichsweise große Beitragslast schultern muss.

Der Verband feiert  im September im Übrigen sein 125-jähriges Bestehen. Er wird dies mit einem Festakt in Münster begehen, zu dem auch die stellv. EKD-Ratsvorsitzende A. Kurschus kommen wird.
Der nächste Dt. Pfarrertag seitens des Verbandes wird dann im September  2018 in Augsburg stattfinden, auch dazu laufen bereits die Vorbereitungen.

Andreas Dreyer

Warum Dienstrechtsprobleme sich verschärfen und vermehren

Wie Strukturprobleme der Kirche und ihren Mitarbeitern schaden

Bericht des Dienstrechtsberaters Herbert Dieckmann

Ärger und Verdruss über Regelungen zu Dienstwohnungen, Dienstfahrten, Dienstgesprächen, Konflikten, Pfarrstellenaufteilungen, Langzeiterkrankungen, vorzeitigen Ruhestandsversetzungen, Beihilfen u.a.m. haben auch im vergangenen Jahr wieder viele Pastorinnen und Pastoren bei uns um Rat fragen lassen. Dabei stellten die meisten von ihnen überrascht fest: ihre scheinbar nur „persönlichen“ Probleme hatten etliche ihrer PfarrkollegInnen schon lange vor ihnen ebenfalls erlebt, weil die monierten Schwierigkeiten selten individuell, sondern vor allem strukturell verursacht waren – als  zwangsläufige Folgen einer angeblichen „Kirchenreform“, die in Wahrheit nur kostspielig und mitgliederverlustreich unsere Landeskirche von einer lebendigen menschennahen Gemeinde-Kirche in eine funktionalistische mitgliederferne Kirchen-„Organisation“ umbaut.

Diesem kirchenschädigenden Prozess können wir u.E. entgegenwirken, wenn wir alle PastorInnen, KirchenvorsteherInnen, Kirchenkreistagsmitglieder und interessierte Gemeindeglieder über folgende grundlegende Sachverhalte informieren, die eindeutig für den Erhalt der Gemeinde-Kirche sprechen, wie sie sich die überwiegende Mehrheit der Kirchenglieder auch nachweislich wünscht.

”"Herbert Dieckmann — wie immer mit akribischer Recherche

(In dem von Gisela Kittel und Eberhard Mechels herausgegebenen Buch: „Kirche der Reformation? – Erfahrungen mit dem Reformprozess und die Notwendigkeit der Umkehr“, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 2016, haben Andreas Dreyer und ich gemeinsam mit anderen AutorInnen die hier nur kurz skizzierten Argumente eingehend begründet.)

1.    Keine Halbierung der Kirchensteuereinnahmen bis 2030, wie seit 2004 permanent behauptet!
Vielmehr haben sich die Kirchensteuer-Einnahmen in der EKD von 1967 bis1970 verdoppelt, von 1970 bis 1990 verdreifacht  – und sie sind auch im letzten Jahrzehnt um über 30% gestiegen. (s. K.R. Ziegert, DPfBl 10/2014, 561). Dagegen kann auch nicht mit den inflationsbereinigten Realwerten argumentiert werden, wie es Kirchenleitungen teilweise versuchen. Denn in der Kirche „werden ca. 75% der Ausgaben im eigenen Haus erbracht“ und sind von daher – vor allem als (seit 2000 kräftig gesenkte) Personalkosten – keine inflationsabhängige Fremdleistungen. (s. Friedhelm Schneider, ebenda, S.77f.)

2.    Die Mitgliederverluste sind nur zur Hälfte demographisch bedingt.
50% unserer Kirchenglieder verlieren wir durch Austritte und geringere Taufzahlen.
Dies gilt vor allem für pastoral  unzureichend versorgte Kirchenkreise, die mit erschreckend hohen Verlusten von 27% bis 37% (1995-2015) um 50-100% (!) über dem landeskirchlichen Durchschnitt von 18,6% liegen, während z.B. ein pastoral gut ausgestatteter KK wie Aurich „nur“ 4,7% verliert, der KK Rhauderfehn sogar 1,4% gewinnt. Selbst in einem insgesamt verlustreichen KK (-26,6%) verliert eine nicht-fusionierte KG „nur “ 10,6%. (s. „Kirche der Reformation?“, S. 285)

3.    Die Kirchenglieder sind weiterhin vor allem an ihren menschennahen Ortsgemeinden und ihren Gemeinde-PastorInnen orientiert.
Dies hat die KMU V von 2012 wieder deutlich gezeigt – trotz mancher leider tendenziösen Fragestellung und ihrer großstadt-dominanten Befragten-Auswahl, die die Ortsgemeinden und ihre PastorInnen erheblich benachteiligten. (s. ebenda, S. 278-283)

4.    Keine „Milieuverengung“ der Ortsgemeinde       
Anders als die tatsächlich milieuverengten Sondergemeinden erreichen nur die Ortsgemeinden über ihre vier unterschiedlich großen Teilgemeinden (Gottesdienst (3%), Gruppen/Kreise(10%), Großveranstaltungen (30%), Kasualien (100%) alle Kirchenglieder – und zudem noch große Teile und verschiedene Milieus der Gesellschaft.

5.    Dennoch belässt unsere Landeskirche nur ca. 40% ihrer Finanzmittel in den Ortsgemeinden.
Nach eigenen Angaben stellte 2015 unsere Landeskirche 67% (= 365,5 Mio. €) ihrer Gesamtausgaben von 544,1 Mio. € für „Leben in den Gemeinden und Pfarrdienst“ zur Verfügung, Demnach ergeben sich 61,5 % nach Abzug nichtgemeindlicher Pfarrdienste. (s. Jahresbericht 2014, S.58).

Unsere Gegenrechnung von lediglich 40% ergibt sich aus folgender Faktenlage:  2015 überwies die Landeskirche 224,8 Mio. € (also 41,31% ihrer Gesamtaufwendungen), an Kirchenkreise (25%) und Kirchengemeinden (75%). Diese Jahreszuweisung enthält jeweils alle Aufwendungen der KK und der KG-n, auch die Pfarrbesoldung, die die Landeskirche den PastorInnen zwar direkt auszahlt, sie aber in den Betrag von 224,8 Mio. € mit einrechnet.

Zusätzlich erhalten Kirchenkreise und Kirchengemeinden allerdings noch weitere Zuwendungen für Sakral- und Kita-Bauten, Sammelversicherungen, Beihilfe (z.B. ca. 10,7 Mio. € für Gemeinde-PastorInnen), Sonderaufwand für die Versorgungskasse (ca. 40,4 Mio. für die Gemeinde-PastorInnen) u.a.m., -  abzüglich von ca. 9 Mio. € an diversen Erstattungen wie DWV, Beurlaubungen u.a. – .  Großzügig berechnet ergeben sich darum für 2015 landeskirchliche Gesamtaufwendungen für KK und KG von ca. 290 Mio. €, also 53,3%, d.h. 217,5Mio. € (= 40%) für Kirchengemeinden und 72,5 Mio. €  (=13,3%) für KK. (s. „Kirche der Reformation?“, S. 227f.)

Dieser zu geringe Betrag für die KK und KG ist auch einfacher zu erschließen: 2015 hatten 2,7 Mio. Kirchenglieder insgesamt 531 Mio. Kirchenteuer gezahlt, jedes Kirchenglied also nominell 197 €. Die Landeskirche überwies den KK und KG für alle 2,7 Mio. Kirchenglieder 224,8 Mio. €, also 83 € pro Kirchenglied, d.h. 42% der Kirchensteuer. Wieviel dann jeweils noch an der Gemeindebasis ankommt (und nicht beim Kirchenkreis schon verausgabt wird), ist je nach Kreis wiederum sehr verschieden

6.    Die extrem kostspielige und wenig ertragreiche „Kirchenkreis-Kirche“ bleibt für die Kirchenglieder unsichtbar.      
Unter dem Vorwand einer angeblich drohenden Halbierung der Kircheneinnahmen bis 2030 (s.o.)  führte der Aufbau einer scheinbar effektiveren, von der Kirchengliedern aber kaum wahrgenommenen „Kirchenkreis-Kirche“ zur Enteignung der Ortsgemeinden, Vernichtung zahlreicher Gemeinde-Pfarrstellen und zu hohen Mitgliederverlusten. Denn: „Die evangelische Kirche ist im Wesentlichen eine Vor-Ort-Kirche. Kirchenkreis-, Dekanat- oder Propsteiebene sind in der Regel unsichtbar wie die Ebene der leitendenden Geistlichen einer Landeskirche…“  (so sogar Thies Gundlach, 2014!)

7.    Eine umfassende Kirchenreform dieser Art ist nicht notwendig. 
Als Fazit der KMU V hält Isolde Karle darum fest: „Eine Kirchenreform im umfassenden Sinn ist nicht indiziert…Vieles läuft gut in der evangelischen Kirche, sie kann an Bewährtes anschließen. Behutsame Korrekturen sind hier und da erforderlich, aber dabei geht es um eine sensible Feinsteuerung, nicht um grundsätzliche Innovationen und Strukturveränderungen.“
(s. Isolde Karle, Die fünfte EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft, Gütersloh, 2015, S. 127)

8.    Für diese „sensible Feinsteuerung“ unserer Kirche könnten wir konkret anraten:      
-    Das hohe Vertrauen in die Ortsgemeinde als Chance der Volkskirche endlich begreifen.
-    Die professionelle Schlüsselrolle der PastorInnen unaufgeregt anerkennen und für unsere Landeskirche nutzen.
-    Die eigenständige Rolle der Mitarbeitenden wieder ernst nehmen.                                     

Herbert Dieckmann, Dornröschenweg 3, 31787 Hameln, E-Mail:                                                                                                                                                                       email; Tel: 05151-10 60 53

Nordvereine zu Gast in Schaumburg-Lippe

In der kleinsten ihrer Landeskirchen trafen sich im Februar die Vorstände der Pfarrvereine der „Nordschiene”. Einmal im Jahr führt der informelle Gedankenaustausch Pastorinnen und Pastoren aus Braunschweig, Bremen, Nordelbien, Mecklenburg, Oldenburg, Pommern, der Nord-West Reformierten Kirche, der BBO (Berlin-Brandenburg schlesische Oberlausitz) und eben der Schaumburg-Lippischen Kirche zu einer zweitägigen Tagung zusammen. Diesmal auf Einladung des Hannoverschen Pfarrvereins in das Schaumburg-Lipper-Land.

Eine kleine Landeskirche mit Profil

Zwar sind die Pastorinnen und Pastoren der
Schaumburg-Lippischen Kirche schon seit langer Zeit Mitglieder im Hannoverschen Pfarrverein, an der Selbständigkeit ihrer Kirche aber halten sie fest. Und das aus guten Gründen, so Pastor Stephan Strottmann, der dieVerbindung zum Vorstand des HPV hält und Mitorganisator der Tagung war.
So zeichnet sich seine Kirche durch überwiegend ländliche Strukturen aus. Mit Bückeburg und Stadthagen liegen nur zwei Kleinstädte im Bereich der Landeskirche. Diese Struktur hat die Landeskirche geprägt. Es gibt ein großes Selbstbewusstsein der Landgemeinden. Dort werden auch die überwiegenden Verwaltungsarbeiten erledigt. Eine mittlere Verwaltungsebene fehlt. Auf Ebene der Landeskirche gibt es mit 10 Mitarbeitern nur eine schmale Verwaltungsstruktur. 41 Pfarrstellen gibt es insgesamt, 35 davon Gemeindepfarrstellen. Der zu betreuende Schnitt an Gemeindegliedern beträgt l :  l .500 (Zum Vergleich: in Hannover hält man l : 2.500 schon für zumutbar). Auch wenn Schaumburg-Lippe erst spät die Ordination von Pastorinnen einführte, sind inzwischen 5 Frauen im  Pfarrdienst tätig. War die Kirche in früherer Zeit konservativ geprägt, so gibt es heute eine große Offenheit für Themen und Entwicklungen. Auch wenn sich abzeichnet, dass in Zukunft auch hier der Rock enger wird und man auch Pfarrstellen einsparen muss, so ist doch immer noch die Erwartung in den Gemeinden groß, dass der Pastor/die Pastorin vor Ort und gut erreichbar sein muss.

Bischof und Gemeindepastor

Seit 2009 ist Karl-Hinrich Manzke leitender Theologe und Bischof der Schaumburg-Lippeschen Landeskirche und zugleich Gemeindepastor in Bückeburg. Er stellte seine Landeskirche vor. Bei insgesamt 53.178 Mitgliedern ist sie eine der kleinsten Landeskirchen Deutschlands. 67% der Bevölkerung sind Mitglied der ev.-luth. Kirche und identifizieren in einem hohen Maße mit ihr. Für ihn, so Manzke „wäre es töricht, wenn nicht der Kern faul ist, solche Organisationsformen aufzugeben”. S.-L. zeichne sich durch überschaubare, nahe Strukturen aus und sei gerade für junge Leute attraktiv. Darum gäbe es immer Bewerbungen von Außen. Die Gemeinden organisierten sich zum Großteil selbst, das Landeskirchenamt sei überwiegend Genehmigungsbehörde. Das erfordere eine gute Zusammenarbeit der Gemeinden. Seine Funktion sei es, den Zusammenhalt der Gemeinden zu fördern, nebenamtlich sei er darüber hinaus für die Bundespolizei als Ansprechpartner tätig.
Manzke äußerte sich skeptisch gegenüber Bestrebungen, das geistliche Amt zu ersetzen, es sei „in einem hohen Maße” in der Bevölkerung anerkannt. Die EKD habe sich zu lange das Ausspielen von „Leuchtfeuer“  und Gemeindepfarrstellen geleistet. Es sei ein Fehler von „Kirche der Freiheit”, die Parochie nicht positiver gewertet zu haben. Die EKD erwarte Stärke durch zentrale Steuerung, in S.-L.- käme diese Stärke aus der Präsenz in der Fläche und die Selbststeuerung der Gemeinden.
Für die Zukunft stelle er sich die Frage und frage das auch die Pfarrvereine, wie man bei einer schrumpfenden Kirche die Rolle des Gesprächspartners in der Gesellschaft noch spielen könne. Da hätten auch übergemeindliche Pfarrstellen ihren Wert.
Aus den Vereinen der „Nordschiene” :

Berlin-Brandenburg schlesische Oberlausitz
Im Pfarrverein gibt es viele neue und junge Mitglieder. Seit zwei Jahren übernimmt der Verein auch die Funktion der Pfarrvertretung und hat damit auch Zugang zu den angehenden Pastorenlnnen im Predigerseminar Wittenberg. Es stehen Vorstandswahlen an, von denen man sich eine weitere Stärkung erhofft.

Bremen
In Bremen sind traditionell die Rechte der Gemeinden stark. Das versucht die Kirchenleitung mehr in Richtung der Strukturen anderer Kirchen zu verändern. So sind Verfassungsänderungen in Richtung Zentralisierung geplant. Die Zusammenarbeit zwischen Verein und Pfarrvertretung ist gut, gemeinsam hat man das Thema „Salutogenese” auf die Tagesordnung gesetzt. Seitdem man  auf Bundesbesoldung umgestellt hat, gehören unerquickliche Diskussion um die Höhe der Gehälter der Vergangenheit an. Aktuell arbeitet der Verein daran, verstärkt Frauen zum Engagement zu bewegen.

Hannover
Zum Thema Bundesbesoldung wurde aus Hannover berichtet, dass Oldenburg Überlegungen angestellt hatte, sie einzuführen, Hannover aber habe abgewunken. Nach Außen ist das dann anders kommuniziert worden. Bereits ab 2017 wird es mehr Stellen als Nachwuchs geben. Eine Verfassungsreform steht an. Hat man zunächst gedacht, es wird nur kleine redaktionelle Veränderungen geben (gendergerecht), so befürchtet man inzwischen einen Umbau der Kirche in Richtung Zentralisierung.

Mecklenburg
Der Verein ist im Umbruch. Es gibt Pläne, ihn mit den anderen Vereinen der „Nordkirche” zusammenzuführen. Das ist aber noch Zukunftmusik. Ein großes Problem in der Landeskirche ist die Verwendung der vielen Pfarrhäuser in kirchlich ausgedünnten Gebieten. Bis hin zum Verkauf reichen die Überlegungen. Seit 2017 erhalten die Pastorenlnnen 100% der Besoldung der Nordkirche.

Nordelbien
Der Verein mit seinen inzwischen l .500 Mitgliedern pflegt gute Kontakte zur Pfarrvertretung. Monatlich wird ein Newsletter über Mail herausgegeben. Traditionell hat der Verein gute Kontake nach Lettland und ärgert sich, wie auch die Landeskirche, dass dort die Frauenordination in Frage gestellt wird.
Mit den beiden anderen Pfarrvereinen der „Nordkirche”, Mecklenburg und Pommern, gibt es eine Arbeitsgemeinschaft, um gemeinsam bewegende Fragen zu besprechen. An Themen hat der Verein die Urlaubsordnung und die Vakanzvertretungsordnung kontrovers mit der Landeskirche diskutiert. Für Vertretungsdienste gibt es eineVergütung von 34 Euro pro Gottesdienst (in Mecklenburg und Pommern nichts). Diese Einzelvergütungen sollten auch in „Nordelbien” gestrichen werden. Nach heftiger Kritik und dem Vorwurf mangelnder Wertschätzung wurde sie wieder eingeführt, allerdings als „kann”-Bestimmung.

Oldenburg
Der Verein verzeichnet stabile Mitgliederzahlen. Ein von ihm ausgerichteter Studientag, einmal im Jahr, wird gut angenommen.
In der neu gewählten Pfarrvertretung hat der Verein Gaststatus. In der Synode gibt es eine Diskussion darüber, über finanzielle Anreize die Pfarrstellen attraktiver zu machen. Die mittlere Verwaltungsebene breitet sich auch hier aus. Eine Verwaltungsstrukturreform ist gescheitert und wurde zurückgenommen.

Pommern
Die Zahl der Mitglieder ist mit 103 stabil. Nach Jahren der Kürzungen wurde die Zahl der Pfarrstellen leicht erhöht. Der Verein übernimmt die Aufgaben der Pfarrvertretung. Seit man zur Nordkirche gehört, wird man mit der geballten Kraft nordelbischer Verwaltung konfrontiert. Aus 6.000 Bauvorschriften wurden ca. 20.000. Zeit kostet auch die Einarbeitung in neue Abrechnungssysteme und PC-Programme. Die Verwaltung in den Kirchenkreisen wurde aufgestockt. Belastend ist auch hier die Einführung der Doppik.

Nordwest-Reformiert
Endlich will sich auch hier die Kirchenleitung mit dem Thema Salutogenese beschäftigen. Der Verein thematisiert die Umstellung auf Bundesbesoldung. Die Attraktivität der Pfarrstellen ist nicht hoch genug, hier das Prinzip gilt, dass immer die Gemeinde den/die Pfarrstelleninhaber/in wählt, haben Frauen oft das Nachsehen. Es beginnt die Diskussion, ob man nicht auch hier 1/2 Stellen einrichten soll.
Anneus Buisman