KMU-Schock für alle Gemeinde-Verächter

sogar die befragte „Großstadt-Kirche“ bleibt gemeinde- und pastoren-orientiert!

 

Eine Untersuchung von Herbert Dieckmann

 

Ende der Geheimniskrämerei

 

Zwei Jahre lang hielt die EKD ihre Befragungsergebnisse der fünften Kirchenmitgliedschaft-Untersuchung von 2012 unter Verschluss. Lediglich ekd-interne Interpreten durften im März 2014 Teilergebnisse vorlegen, die sie so weit wie irgend möglich anti-parochial und anti-pastoral deuteten. Freilich durchschaute schon der erste kritische Blick diese Umdeutung und erkannte die klare Gemeinde- und PastorInnen-Orientierung der befragten Evangelischen sowie ihre völlige Ignorierung jener „Kirchenkreis-Kirche“, die doch in den letzten zwanzig „Reformjahren“ mit so großem finanziellen, medialen und nicht zuletzt emotionalen Aufwand unter weitgehender Enteignung der Ortsgemeinden als angeblicher Wunschtraum der Kirchenglieder propagiert worden war.

 

Zu dieser realistischen Sicht auf die wahren KMU-Resultate verhalfen auch der EKD-Geschäftsführer Thies Grundlach und vor allem der Leiter des SI der EKD, Prof. Dr. Gerhard Wegner. „Die evangelische Kirche ist im Wesentlichen eine Vor-Ort-Kirche. Kirchenkreis-, Dekanat- oder Propsteiebene sind in der Regel unsichtbar wie die Ebene der leitendenden Geistlichen einer Landeskirche.“So resümierte bereits 2014 ernüchternd reformkritisch Thies Gundlach den wesentlichen Erkenntnisertrag der KMU V. Und alsMitauswerter der KMU V verwies Gerhard Wegner zur gleichen Zeit auf die erkennbar hohe Bedeutung der Ortsgemeinde und ihrer PastorInnen für die Mehrheit der Evangelischen.

 

Dennoch tappte jede externe KMU-Deutung wegen des fehlenden Zugangs zu allen Daten bis Ende 2015 nahezu im Dunkeln. Erst am 7. 12. 2015 beendete die EKD ihre unseriöse Geheimhaltung! Unter dem Titel: „Die fünfte EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft: Vernetzte Vielfalt – Kirche angesichts von Individualisierung und Säkularisierung“ sind nach einer erweiterten KMU-V-Auswertung (S. 16-456) auch alle Fragebögen und ihre Beantwortungen sowie vor allem die Sozialstatistik endlich erschienen. Und nun zeigt sich das ganze Recht der Kritik an einer Stelle, an der es bisher niemand vermutet hatte.

 

Fast 80% der befragten Evangelischen sind Großstädter: (s. S.526.)

Wohnortgröße

(Einwohner)

Bevölkerung (BRD) befragte Evangelische

(2.016)

Bevölkerung (Niedersachsen) KMU-IV von 2002 Ev./ West
500 – 5.000 14,2 % 4,4 % 14,5 % 13 %
5000 – 20.000 26,7 % 4,6 % 32,3 % 27 %
20.000 – 100.000 27,4 % 12,7 % 36,6 % 27 %
100.000 – 500.000 15,2 % 34,2 % 10,2 % 17 %
500.000 und mehr 15,4 % 44,1 % 6,5 % 17 %

 

Die monströse Großstadt-Dominanz der befragten Evangelischen verhält sich geradezu umgekehrt proportional zur realen Bevölkerungsverteilung mit ihrem ländlich-kleinstädtischen Übergewicht, wie es gerade für Niedersachsen typisch ist. Dieses katastrophale Missverhältnis zerstört die Repräsentativität der KMU V, deren Befragung im Grunde wiederholt werden muss:

Aus Großstädten (Bevölkerungsanteil insgesamt lediglich 30,6 %) stammen 78 %, also mehr als Dreiviertel aller befragten Evangelischen! Hier hätten also statt 1.572 Kirchengliedern lediglich 617 interviewt werden dürfen!

Aus dem ländlich-kleinstädtischen Raum, in dem über Zweidrittel der Gesamtbevölkerung lebt (68,3%), stammt nur ein gutes Fünftel (21,7 %) der befragten Evangelischen. Hier hätten 1.377 Kirchenglieder interviewt werden müssen, es waren aber nur 438!

Der ländliche Bereich hat deutschlandweit einen Bevölkerungsanteil von 41% (Niedersachsen sogar 47%!). Doch aus dieser Gruppe wurden nur 9% der Stichprobe befragt. Statt 827 Kirchengliedern interviewte man hier nur 181!

 

Auf unsere hannoversche Landeskirche wirkt sich solch eine Wirklichkeitsverdrehung der KMU V noch verheerender aus: Denn sogar 83,4 % unserer Kirchenglieder wohnen im ländlich-kleinstädtischen Raum – nur 16,7 % (!) im Großstadtbereich! Übrigens: allein dieser schlichte Sachverhalt belegt, wie widersinnig und selbstzerstörerisch es wäre, sich kirchlich „aus der Fläche zurückzuziehen“, wie oft so (un-)schön gesagt!

 

Kirchengemeinden – bisher „blinde Flecken“ für Kirchensoziologen

 

Jeder unvoreingenommene Beobachter fragt sich jetzt natürlich ganz erschrocken: „Warum macht „man“ so etwas? Unternehmen, Verwaltungen, Organisationen, die auf solche falschen Zahlen ihr Handeln gründen, setzen doch ihre Existenz aufs Spiel, wie z.B. VW und Deutschen Bank jetzt schmerzhaft erkennen! Dabei hatte 2002 die KMU IV bei ihrer Befragungsauswahl die wohnortmäßige Bevölkerungsstruktur noch sorgsam beachtet!“

Das Motiv für diese abenteuerliche Auswahl-Verdrehung ist leicht aus ihrer vermutlichen Wirkung zu erschließen: Es sollte wohl das kirchensoziologischeWunschbild einer gemeindefernen und pastoren-distanzierten, allein auf übergemeindliche Dienste bezogenen Großstadt-Kirchebestätigt werden. Ähnliches hatte bereits vor einem Jahrzehnt ein Superintendent unserer Landeskirche erlebt. Er habe immer wieder unsere Pastoralsoziologen in seinen Kirchenkreis eingeladen, seine im landeskirchlichen Vergleich ganz erstaunlich mitgliederstabilen Ortsgemeinden einmal zu begutachten. Doch die Soziologen seien einfach nicht gekommen. Erfolgreich tätige Ortsgemeinden passten offenbar nicht in ihr Kirchenbild!

 

Ein solches bemerkenswertes Fehlverhalten von Kirchensoziologen bezeichnet Gerhard Wegner in seinem sehr lesenswerten Überblick zum KMU-V-Berichtsband im Dt. Pfarrerblatt von Januar 2016, S. 20f. ganz zu Recht als „argen Realitätsverlust“, den er dann sehr plausibel mit der „Tradition der KMU“begründet,die „selbst mitursächlich für eine Ausblendung der Kirchengemeinden aus vielen Bereichen der empirisch sozialen Erforschung der kirchlichen Praxis der letzten Jahrzehnte gewesen ist. Kirchengemeinden galten spätestens seit den End60er Jahren für viele…als im Kern bornierte, milieuverengte, überalterte und sozial letztendlich marginalisierte Restbestände des volkskirchlichen Christentums. Sich näher mit ihnen zu beschäftigen, galt deswegen als relativ langweilig; die große Zahl der kirchlich distanzierten Mitglieder zog wesentlich mehr Interesse auf sich, als die Lebenswelt der hochverbundenen Kirchenmitglieder in den Kirchengemeinden.“

 

Fiktion einer Großstadt-Kirche und clevere Fragestrategie vermindern Umfragewerte für Gemeinden und Gemeinde-PastorInnen

 

Die fast vollständige Ausblendung des gerade für kirchliche Arbeit so wichtigen ländlich-kleinstädtischen Raumes (68% Bevölkerungsanteil – aber nur 22 % Befragungsquote!) senkt zwangsläufig die Umfragewerte für Gemeinde-Verbundenheit und Bekanntheitsgrad der PastorInnen erheblich. Denn selbstverständlich kennen auch im Jahre 2012 in diesem sträflich unterrepräsentierten Bereich, in dem in Niedersachsen sogar 83 % der Bevölkerung lebt, deutlich mehr Kirchenglieder ihre (Gemeinde-) PastorInnenund fühlen sich dort mehr Evangelische mit ihrer Gemeinde verbunden, als dies in den mit 78% maßlos überrepräsentierten Großstädten (30,5 %: BRD, in Niedersachsen sogar nur 17%) der Fall sein muss!

 

Eine raffinierte Fragestellung vervollständigt diese gezielte Gemeinde- und Pastoren-Abwertung. Sie behindert schon die bloße Wahrnehmung von Ortsgemeinden und Pastoren durch befragte Kirchengliedersolange wie irgend möglich oder verhindert dies ganz.

 

So wird – ohne Nennung der Ortsgemeinde – das Kirchenglied zuerst in Frage 10a nach seiner Verbundenheit mit „der evangelischen Kirche“ gefragt und nicht, wie sprachlich und rechtlich korrekt, mit „der Evangelischen Kirche in Deutschland“. (s. S. 468). Viele Befragte haben vermutlich ihre Verbundenheits-Angaben arglos auf ihre Ortsgemeinde bezogen, ohne den Trick zu durchschauen, dass hier eben gerade nicht nach der Ortsgemeinde gefragt wird.

Die bewusst nachgeordnete Frage 11 („Im Folgenden sind Bereiche kirchlicher Arbeit aufgelistet. Wie verbunden fühlen Sie sich mit…?) versteckt die (ungeliebte) Ortsgemeinde dann völlig unsachgemäß in andere „Bereiche kirchlicher Arbeit“ wie Landeskirche, ev. Schulen, Kitas, Krankenhäuser, Pflegeheime. Korrekt wäre dagegen die gemeinsame Frage nach der Verbundenheit mit EKD, Landeskirche und Ortsgemeinde gewesen. Doch dieser allein aussagekräftige Direktvergleich sollte offensichtlich vermieden werden. Denn der hätte mit Sicherheit eine noch höhere Verbundenheit mit der Ortsgemeinde ergeben, als so erhoben: 22,8 % „sehr verbunden“, 22, 2% „ziemlich verbunden“. Das zeigen die niedrigeren Verbundenheitswerte mit den Landeskirchen (9,5 % sehr, 18,1 % ziemlich). (s. ebd., S.469)

 

Wie sie die angemessene Wahrnehmung der PastorInnen durch die interviewten Kirchenglieder unbedingt verhindern will, demonstriert die KMU-V mehrfach:

 

So wird die wichtige pastorale Aufgabenliste den Kirchengliedern nicht mehr vorgelegt, obwohl – oder wohl weil- sie in der KMU IV ungewöhnlich hohe Umfragewerte erbracht hatte: Kasualien (6,25 in einer 7-gliedrigen Skala), Seelsorge (6,21), Kümmern „um Probleme von Menschen in sozialen Notlagen“ (6,11), Verkündigung (5,95), Gottesdienst (5,86). Stattdessen werden nun diese genuin pastoralen Arbeitsfelder als „allgemein-kirchliche Aufgaben“ erfragt und damit bewusst von den Pfarrpersonen getrennt!

 

Oft werden „PastorInnen“ in der Gruppe der „kirchlich Mitarbeitende“ versteckt,

die wohl folgenschwerste „Pastoren-Entsorgung“! Denn nun sinkt die Bedeutung dieser ominösen „Mitarbeitenden“ für die religiöse Sozialisation natürlich auf 33,9%. Dabei hatte die repräsentative KMU IV von 2002 ergeben, dass nach Eltern (81 %) und Großeltern (70%) für 60% der Evangelischen die PastorInnen die wichtigsten religiösen Einflusspersonen sind – weit vor Lehrern (33%), kirchlichen Repräsentanten (10 %) oder gar dem Internet (1%). Eine derartige Zustimmung für PastorInnen sollte in der KMU V auf jeden Fall unterbleiben!

 

Noch raffinierter verhindert die KMU V die sonst wohl viel stärkere Wahrnehmung von PastorInnen durch die Evangelischen bei der neu eingeführten Frage nacheiner Assoziationsperson für die „evangelische Kirche“:

„Fällt Ihnen eine Person ein, die Sie mit der evangelischen Kirche in Verbindung bringen?“

Die bewusste Frage nach nur einer Person will offensichtlich die Nennung bekannter kirchlicher Persönlichkeiten wie z. B. Luther nahelegen und die – zumindest häufigere Nennung von Pastoren ausschließen. Vermutlich wären beim Plural „Personen“ weit aus öfter Pastoren genannt worden. Doch interessanterweise überspielen die EKD-Interpreten diesen Sachverhalt und zitieren diese Frage stets sprachlich inkorrekt im Plural!

Viel näher gelegen hätte allerdings die Frage nach einer Assoziationsperson für die Ortsgemeinde. Da die Antwort dann wohl eindeutig gewesen wäre, wurde dies nicht erfragt.

 

Evangelische plädieren für eine gemeindlich-pastorale Begleitungskirche

 

Doch all diese Tricks haben letztlich nichts gefruchtet: weder die abstrus großstadt-lastige Befragten-Auswahl noch die antiparochiale und antipastorale Befragungsstrategie oder die gemeinde- und pastorenkritischen Umdeutungsversuche von 2014 konnten verhindern, dass sogar die KMU V gleichsam wider Willen feststellen musste:

Gemeinde-PastorInnen gelten für die Evangelischen weiterhin als kirchlich zentrale Schlüsselpersonen, als Hauptrepräsentanten der Gemeinden und Hauptadressaten der Kirchenglieder-Erwartungen an gemeindlich-pastorale Arbeit.

 

Zudem bleiben aus der Sicht der Kirchenglieder, was gewiss nicht nur Gerhard Wegner erkennbar überrascht, die Ortsgemeinden eindeutig die Basis der Arbeit der evangelischen Kirche“, „die mit Abstand wichtigste Drehscheibeder Kirchenmitgliedschaft“ (s. ebd. S. 21).

Entgegen der – zuletzt im EKD-Impulspapier von 2006 – stereotyp wiederholten These zu angeblich „milieuverengten Ortsgemeinden“ ist die Gemeinde-Verbundenheit gerade nicht auf bestimmte soziale Milieus oder biographische Verhältnisse beschränkt“, sondern gehört nach Jan Hermelink und Gerald Kretzschmar vom Wissenschaftlichen Beirat der EKD „zur normalen durchschnittlichen Einstellung der Kirchenmitglieder.“ Denn „auch unter den Bedingungen moderngesellschaftlicher Differenzierung, religiöser Vielfalt und biographischer Mobilität scheint die Kirche vor Ort aus der Sicht der Mitglieder von hoher, ja gelegentlich identitätsstiftender Bedeutung zu sein.“ (s. Die fünfte EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft, Gütersloh, 2015, S.66f.)

 

Kirchenleitungen müssen Gemeinde–Orientierung endlich ernstnehmen

 

Trotz dieser erfreulichen „Beinahe-Revision“ der KMU-Auslegung von 2014 bleibt es weiterhin wichtig, Reinold Bingeners Befürchtung ernst zu nehmen, „dass es in Teilen der Führung der evangelische Kirche keine Scheu gibt, hartnäckig an den empirischen Erkenntnissen vorbeizuarbeiten.“ (s. FAZ vom 09.03.2014.)DieseGefahr bestätigen dann sofort die „Perspektiven für die kirchenleitende Praxis“ des Wissenschaftlichen Beirates der EKD für die V. KMU. Obwohl doch die vorrangige Gemeinde-Orientierung der Kirchenglieder nun eindeutig erkannt und vielfach belegt ist, besteht der EKD-Beirat – davon sichtlich unbeeindruckt – auf ein gleichrangiges Nebeneinander von Ortsgemeinden mit den „Gemeinden auf Zeit“ und fordert unverdrossen die konsequente Förderung einer polyzentrischen Entwicklung“ bei strikter Ablehnung kritischer Nachfragen zu den zahlreichen und kostspieligen übergemeindlichen Einrichtungen, die offenbar sehr geschätzt, aber so gut wie nie kritisch hinterfragt, geschweige denn evaluierten werden. (s. Die fünfte EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft, Gütersloh, 2015, S. 450 u. 451.)

 

Dabei müsste doch jede verantwortliche Beratung der Kirchenleitung dringend anraten, bei ihrer Erörterung der Befragungsergebnisse die „Missweisungen“ aufgrund falscher Befragten-Auswahl und Fragestrategie miteinzurechnen und von einer erheblich stärkeren Pastoren- und Gemeinde-Orientierung auszugehen. Doch es ist eher so, als wolle der Beirat die Kirchenleitung gegen die wichtigste Schlussfolgerung aus der KMU V immunisieren, die Isolde Karle aufzeigt: Eine Kirchenreform im umfassenden Sinn ist nicht indiziert…Vieles läuft gut in der evangelischen Kirche, sie kann an Bewährtes anschließen. Behutsame Korrekturen sind hier und da erforderlich, aber dabei geht es um eine sensible Feinsteuerung, nicht um grundsätzliche Innovationen und Strukturveränderungen.“ (s. ebd. S.127)

 

Vieles läuft nicht gut für die Kirchengemeinden

 

Leider können wir Isolde Karles Einschätzung für unsere hannoverschen Gemeinden nicht bestätigen: Denn es läuft schlecht für sie, sehr schlecht sogar! Und unsere Kirchenleitung muss nicht zuletzt aufgrund der KMU V endlich die „Reform der Reform“ einleiten und den Ortsgemeinden wieder die Mitteln zurückgeben, die sie für ihre zentrale kirchliche Arbeit dringend benötigen. Sonst werden uns noch mehr Kirchenmitglieder verlassen!

Darum müssen wir auf Wegners kritischen Einwand, weil Kirchengemeinden mindestens Zweidrittel der gesamten kirchlichen Ressourcen erhielten, seien sie mitverantwortlich „für die offenkundigen Verfallserscheinungen kirchlicher Performanz“ (s. ebd. S.21), Dreierlei erwidern:

(1) Kirchengemeinden erhalten trotz ihrer hohen Bedeutung für die evangelischen

Kirchenglieder nur 40% aller kirchlichen Geldmittel.

Die direkten landeskirchlichen Zuweisungen für 2015 an KK u. KG betragen 224,8 Mio. €. + Zuwendungen für Sakral- und Kita-Bauten, Sammelversicherungen, Beihilfe für Gemeinde-PastorInnen, Sonderaufwand für die Versorgungskasse, abzüglich diverser Erstattungen. So ergibt sich für 2015 als Summe aller landeskirchlichen Zuweisungen an KK und KG ca. 290 Mio. €, also 53,3% der landeskirchlichen Gesamtausgaben von 544,1 Mio. €. Doch von diesen etwa 290 Mio. € bekommen die KG nur 75% (= 217,5 Mio. €) und die KK 25% (=72,5 Mio. €). Somit erhalten die Kirchengemeinden mit 217,5 Mio. € deutlich weniger als die Hälfte, nämlich nur 40% Kirchengelder!

(2) Nach diesen beiden bitteren Jahrzehnten gezielter Gemeinde-Schädigung durch viele Pfarrstellen-Streichungen, Fusionen, Regionalisierungen, Geld- und Geltungsentzug bei gleichzeitiger Aufblähung von Kirchenkreisen und gemeindefernen Diensten nun die Kirchengemeinden für den Verfall der Landeskirche mitverantwortlich zu machen, das ähnelt dem Vorwurf an Beinamputierte, warum sie nicht schneller und leichtfüßiger liefen.

Pfarrbezirke mit 3.000 und mehr Gemeindegliedern sind eben pastoral unverantwortlich, wie aus Wegners KMU-V-Bericht selbst erschließbar ist (s. S.22):

Die Netzwerkanalyse der KMU V wie auch andere Gemeindestudien hätten gezeigt:

Nur mit maximal 100 Personen könne eine PastorIn „dicht“ kommunizieren und damit – je nach KG-Ressourcen – bis zu 600-700 weitere Personen anregen, ihre wechselseitige Kommunikation an dieses innere Kommunikationszentrum „anzudocken“. Diese Zahlen spiegelten offenbar die normalen „physischen Kommunikationsgrenzen“ wider und entsprächen im Übrigen den Verbundenheitsgrad-Anteilen in der KMU V (45%).

Nach diesen kirchensoziologischen Erkenntnissen darf also ein pastoral verantwortbarer Pfarrbezirk maximal 1.778 Gemeindeglieder umfassenund nicht 3.000 und mehr!

(3) Gerade die gemeindeschädigenden Reformen erhöhen den Mitgliederverlust enorm:

Verlor z.B. die hannoversche Landeskirche in den ersten acht „Reform-Jahren vom 1995 bis zum 2003 „nur“ 5,5 % ihrer Mitglieder, so ist dieser Verlust in den letzten acht Jahren von 2007 bis 2015 auf dem Reform-Höhepunkt um das Doppelte (!) auf 10,9% gestiegen. Der Verlauf dieser Verluste gleicht einer Fieberkurve der gemeindefeindlichen „Reformen“: in den reformmoderaten Jahren 1995-1998 betrug der Jahresverlust noch 0,54%; in den reformfreudigen Jahren 1998-2007 stieg er dann schon um die Hälfte auf 0,82%, um danach im Taumel eines irrationalen Reformfeuers von 2007- 2015 auf 1,39% hochzuschnellen. Im gesamten Reformzeitraum von 1995-2015 verlor die hannoversche Landeskirche insgesamt 18,6% ihrer Mitglieder, das sind 614.528 Evangelische!

Dabei hatten besonders reformgeneigte Kirchenkreise mit 20% bis 29%, ja sogar mit 33% und 36% (!) noch mehr Verluste zu beklagen. Anders orientierte Kirchenkreise u. Gemeinden mit hinreichender pastoraler Versorgung verzeichneten dagegen für 1995 bis 2015 deutlich geringere Mitgliederverluste wie z.B. der KK Aurich mit „nur“ 4,7%, der pastoral besonders gut ausgestattet KK Rhauderfehn sogar mit einem Mitgliederplus von 1,4 % oder auch eine nicht-fusionierte Innenstadt-Gemeinde in Hannover mit „lediglich“ – 10,6%, d.h 63% weniger als ihr Stadtverband, der 28,7% seiner Mitglieder verlor. Frappierend klar gegen den landeskirchlichen Trend von 12,3% verlor diese Innenstadt-KG in den letzten 10 Jahren sogar nur 2,4 %! Und 2012 war mit 43 Taufen ihre „Taufquote“ von 1,5% fast doppelt so hoch wie die landeskirchliche von 0,82%. Und diesen Stand hält diese Gemeinde seit 1995 mit jährlich durchschnittlich 40 Taufen bei nunmehr 2.775 Gemeindegliedern.

Schon diese wenigen Beispiele belegen: die schwerwiegenden Mitgliederverluste kann niemand durch Demographie allein wegerklären. Wir müssen schon Mitverantwortung für diese Verluste übernehmen. Wir verlieren Kirchenmitglieder (2012: 36.415) vor allem durch selbstverschuldete Austritte (2012: 16.400) und durch den auch im Vergleich zur Geburtenrate in Niedersachsen überproportionalen Rückgang der Kindertaufen (2012: 4000). Und hier wirken pastoral gut aufgestellte Kirchenkreise und Gemeinden eben weitaus erfolgreicher als pastoral ausgedünnte Gebiete. (s. Anhang)

 

 

 

 

Kirchengliederstand 1995 2005 Verlust

1995-2005

2015 Verlust

2005-2015

Verlust 1995-2015
Landeskirche 3.309.289 3.072.822 - 7,2 2.694.761 - 12,3 -18.6
             
Kirchenkreise   überdurchschnittl. Verluste      
Bremerhaven 68.656 53.662 -21,8 43.330 -19,3 -36,9
Bremerh-Stadt.-KG 3.204 2.899 - 9,5 2.507 -13,5 -21,8
Wolfsburg 59.568 47.839   43.104:(2012) -27,6 -32,8
+ Wittingen (2013)   63.482:2013   60. 174 -5,2  
Cuxhaven 34.812 29.639   26.162 (2012) -24,8 -29,5
+ Land Hadeln   59.318:2013   56.542 -4,7 (2015)  
Hannover: aus 8 KK 289.739 240.798:2001 +21.955 an Burgw-L (262.753) 9,3 (2001) 194.180 19,4 (2001-2015) -28,7
Leine-Solling (3KK) 82.330 71.109   60.250   -26,8
Hann.-Innenst.-KG 3.105 2.843   2.775   -10,6 (!)
Lüchow-Dannenb. 37.110 33.163   28.196   -24,0
Hameln-Pyrmont 62.963 2000: 61.807

2001: 73.710

-1,8 58.205 -21,0 -22,8
Hildesh.-Land-Alfeld 101.577 93.016   78.666   -22,6
Göttingen: aus 2 KK 98.960 87.333   77.657   -21,5
Peine-Ölsburg 62.907 58.127   49.884   -20,7
Syke-Hoya 95.009 86.903   75.654   -20,4
Hildesheim-Sarstedt 73.456 71.109   59.450   -19,1
    Unterdurchschnittl. Verluste      
Norden (Ostfriesl.) 41.013 34.882:2012 -14,9 44.646: 2012 43.973: 2015   -17,4
Osnabrück 344.991 329.292 -4,5 295.767 -10,2 14,3
Ostfriesland 337.441 341.761 +1,3 317.470 -7,1 -5,9 (!)
Buxtehude 50.647 48.789   43.833   -13,5
Harlingerland (Ostf.) 45.230 43.832   39.349   -13,0
Bremervörde-Zeven 59.626 57.966   52.436   -12,1
Bramsche 43.732 42.851:2012 -2,0 60.401:2013

58.678:2015

-2,9 -4,9
Aurich 74.297 76.004   70.828   -4,7
Rhauderfehn 37.899 38.561:2012 +1,75 42.334:2013 42.176:2015 -0,37 +1,4 (!)
Emsland-Bentheim 61.370 68.513   65.379   +6,5(!)
             
Sprengel            
Hannover 701.472 610.383 -13,0 536.005 -12,2 -23,6
Hildesh.-Göttingen 639.071 588.368 -7,9 502.110 -14,7 -21,4
Lüneburg 682.785 640.201 -6,2 552.054 -13,8 -19,1
Stade 603.683 563.823 -6,8 491.305 -12,7 -18,5
Osnabrück 344.991 329.292 -4,5 295.767 -10,2 14,3
Ostfriesland 337.441 341.761 +1,3 317.470 -7,1 -5,9 (!)

 

Die Dame (Kirche) ohne Unterleib

Auf dem Rummel mag sie ja vorzeiten eine Attraktion gewesen sein, die „Dame ohne Unterleib“, doch ob das, was zur Zeit in unserer Kirche abläuft, auch Menschen anzieht, wage ich zu bezweifeln.

Die Ausdünnung der Gemeinden vor Ort schreitet weiter voran und entmutigt Haupt– wie Ehrenamtliche gleichermaßen. „Kirchspiel“  heißt eines der neuen „Reform-Zauberworte“ . Klingt gut, irgendwie wie von früher, aus der `guten alten Zeit´. Bedeutet aber Ausdünnung. Weg von den Menschen.

Ich hörte einen unserer Kirchenleitenden über die Zukunft unserer Kirche reden. Bald, so sagte er, werden wir nur noch in zentralen Orten eigens ausgebildete Theologen haben. Später wird der Überbau zusammenbrechen. Was bleibt, sind dann auf sich gestellte Gemeinden.

Meine Frage: wenn die Zukunft von Kirche am Ende nur als „Kirche vor Ort“  gesehen wird (eine Ansicht, die ich teile), warum stärkt man dann nicht schon jetzt die Gemeinden? Es gäbe vieles andere, auf das wir verzichten könnten. Allein, der Mut dazu fehlt und auch der Wille. Denn es bestimmen zu viele Profiteure des Status Quo Minus die derzeitige Entwicklung.

So kommt, was kommen muss:  der Oberbau wird ausgebaut. Oder wie sonst soll man es verstehen, dass Superintendenten von einer Synodensitzung auf die andere (mit abgewürgter Aussprache) mal eben so nach A16 hochgestuft wurden.
Bei der Vergütung der Gottesdiensteinsätze von Ruheständlern tut man sich da wesentlich schwerer und da sind nur minimale Summen im Gespräch. Anfang letzten Jahres, so hieß es, solle sie kommen. Dann hieß es: Herbst. Inzwischen ist sie wohl ganz aus dem Blick geraten. Gut, dass Michael Gierow, Synodaler des Kirchenkreises Lüchow-Dannenberg, auf der letzten Synode den Antrag stellte, das Landeskirchenamt möge über die in Arbeit befindliche Honorarordnung für Pastoren im Ruhestand berichten. Ob sich jetzt etwas tut?

Wie bei der Fokussierung auf den Oberbau mit zahlreichen Tricks gearbeitet wird, das hat unser unermüdlicher und akribisch nachbohrender Dienstrechtsberater Herbert Dieckmann aufgedeckt: er verglich die Erhebungsgrundlage der EKD Mitgliedschaftsbefragung IV  mit der V. . Hatte man zehn Jahre vor der neuesten Untersuchung, getreu der tatsächlichen Verteilung der Bevölkerung zwischen Stadt und Land, noch flächendeckend untersucht, so fragte die jüngste Untersuchung überproportional in städtischen Ballungsgebieten! Vielleicht, dass man sich dadurch eine stärkere Wahrnehmung von Kirche in der Bevölkerung über Events, Leuchttürme und übergemeindliche Angebote erhoffte, für eine Kirche mit starkem Überbau also. Nur Pech, dass sich auch bei dieser Verschiebung die Befragten nicht davon abhalten ließen, mehrheitlich die Kirche als Gemeinde vor Ort wahrzunehmen und in dem/r PastorIn die wichtigsten Repräsentaten zu sehen. Weshalb auch manche aus dem Oberbau schnell versuchten, das Ergebnis kleinzureden.

So kann man getrost in den eingetretenen Pfaden sogenannter „Reformen“ weitermachen.
Die Dame ohne Unterleib war eine Täuschung, war Illusion, die Kirche ohne Unterbau schreitet voran.

Anneus Buisman

Wider das kleine Karo der Dienstordnungen

I. Äpfel, Birnen und das Schabbesgebot

Äpfel und Birnen zusammenzählen. Ohne diese geniale, aber qualitative Unterschiede ausblendende Operation geht Geldwirtschaft nicht. Sie entkleidet Dinge verschiedenster Art ihrer Gestalt, ihrer Farbe und ihres Geruchs, ihrer Einmaligkeit und Sinnlichkeit, überhaupt ihrer Individualität und entblößt sie auf eine nackte Zahl, ihren Tauschwert. Sie ersetzt Qualitäten durch Quantität, postuliert gnadenlos Tauschbarkeit statt Einmaligkeit, um alles zur käuflichen Ware zu machen, auch die menschliche Arbeit.

So, alles mit allem vergleichbar machend und dabei die Vielfalt der Eigenschaften auf die eine des Marktwerts reduzierend, meint die Geldwirtschaft, Wirklichkeit treffend zu beschreiben und so etwas wie eine relative Gerechtigkeit herzustellen, die eines Marktes, zu dem prinzipiell alles getragen und feilgeboten werden kann. Sie schafft damit Voraussetzungen etwa für den so dummen wie verdummenden Fetischbegriff des Bruttoinlandsprodukts, der, im Wachstumsrausch blind, Umweltgift und Umweltbildung (als „Dienstleistung“), Friedensliteratur und Kriegsspielzeug zu einem geblähten Abstractum aufaddiert, das nicht in der Lage ist, über die Lebensqualität und die Arbeit der Menschen oder gar die Gerechtigkeit in einem Land irgend etwas auszusageni und diese Größen vernachlässigt, weil Umsatzsummen wichtiger seien. Indem sie auch menschliche Kraft, Charismen (zur „Kompetenz“ banalisiert), Mühe, Kreativität, Lebenszeit und Arbeit als Ware behandelt, bringt diese Denkart den Kapitalismus hervor.ii Dieser „zielte stets darauf ab, den Menschen zum austauschbaren Gut zu machen sowie die Grenzen zwischen der Welt der Menschen und der Welt der Dinge auszuradieren. [...] Im Zeitalter des Neoliberalismus aber brechen diese Dämme einer nach dem anderen.“iii

Pfarrerinnen und Pfarrer, evangelische zumal, leben mit ihrer Arbeit, verglichen mit den Vielen in unseren Gemeinden, die den Gesetzen von Geldwirtschaft und abhängiger Lohnarbeit schonungsloser ausgeliefert sind, in einer Art von Nische, ähnlich wie manche Künstler. Unsere Gemeinden schätzen es, ja unsere Gottesdienste und Kasualien leben zu einem wesentlichen Teil davon, dass wir auf der Kanzel keine austauschbare Manufaktur- oder Fabrikware von der Stange abliefern, sondern persönlich verantwortetes, authentisches Handwerk ( – schätze niemand diesen Begriff gering).

Gelegentlich haben Kleriker versucht, mit denen, die unter unfreieren Bedingungen ihren Lebensunterhalt erarbeiten, solidarischer zu leben. Nicht nur politisch schlugen sie sich auf die Seite der Ärmeren. Sie nahmen an deren Art des Broterwerbs durch Lohnarbeit teil, etwa in der Lebensform der Arbeiterpriester. Bisher sind solche Versuche geschichtlich kaum wirkmächtig geworden, eher schon die zeichenhaft radikale Verweigerung der Teilhabe am Privatbesitz unter Ordensleuten.

Merkwürdig viele Kolleginnen und Kollegen setzen in diesen Monaten verwegene Hoffnungen auf die Vereinbarung und den Erlass von Dienstordnungen, die einem Leitbild jener Epoche folgen, der die Massenproduktion in der Fabrik als Inbegriff des Fortschrittes galt, und so Äpfel und Birnen, Abendmahlsgottesdienste und Zuschussverhandlungen, Krankenbesuche und zähneknirschend übernommene Hausmeisterdienste „erfassen“, „auflisten“, als Zahlenkolonnen darstellen und zu einem Zahlenwert zusammenrühren, der als durchschnittliche Jahres- oder Wochenstundenzahl unsere „Produkte“ wie unsere Arbeiten zur austauschbaren Ware erklären und mit der gelebten Pfarrhauswirklichkeit und der dort geleisteten Arbeit nicht viel zu tun haben wird.iv Entlastung erhofft man sich offenbar davon, Begrenzbarkeit. Erleichterung also für die Mühe, zwischen bezahlter Arbeit, unbezahlter Arbeit ( – der oft übersehene dritte Sektor: Haushalt, Familie, Ehrenamt) und Muße getrösteten Gewissens einen akzeptablen Trennungsstrich hinzukriegen und damit respektiert zu werden, jedenfalls keinen Sympathieverlust zu erfahren.

Legitimation also. Für Feierabend und Feiertag: für das, was seit dreitausend Jahren durch das Sabbatgebot nicht etwa bloß legitimiert, sondern als Bundesbestimmung des Volkes Israel kategorisch geboten ist und durch uns öffentlich zu verkünden und zu vertreten. Geschehen soll das ausgerechnet mit Hilfe eines Rezepts, das Jesus gelegentlich scharf kritisiert oder der Lächerlichkeit preisgegeben hat: Statt ein wortkarges und klares biblisches Gebot schlicht zu beachten, wird es von hundert papiernen Bestimmungen und Vereinbarungen, die es einmal schützen sollten, bis zu Unkenntlichkeit und Paradoxie überwuchert.

Tatsächlich kann es leicht passieren, dass wir dadurch verstärkt zu Dienstmägden und Knechten dessen werden, was uns vermeintlich freier macht: Eines Tages wird nicht mehr die Dienstordnung für die Pfarrerin da sein, sondern die Pfarrerin für die Dienstordnung.v Das scheint mir so sicher zu sein wie das Amen in der Kirche.

 

II. Stile der Verweigerung: Ichbotschaften oder Versteckspiele hinter dem Objektiven

Wer seine Grenzen achten und kenntlich machen will, dem bietet unsere Sprache eine bunte Palette von Stilen der Verweigerung an. „Ich hab keine Zeit“ sagt sich leichter als „ich hab keine Lust“. Anhand von Hilfsverba in einer Skala zwischen objektivierender und subjektiver Rede geordnet, sieht die Palette etwa so aus:

Ich darf nicht. (0:5).

Ich kann nicht. (1:4).

Ich soll nicht. (2:3).

Ich muss nicht. (3:2).

Ich will nicht. (4:1).

Ich mag nicht. (5:0).

Sichtbar, hörbar, spürbar ist dabei, je nachdem, mehr eine Person mit Atem und Herzschlag oder mehr eine bürokratische Struktur mit den ihr eigenen apersonalen Zwängen und Ausdrucksweisen. Möglicherweise auch nur noch das sich versteckende Rückzugs- und Distanzbedürfnis eines Amtsträgers, bei dem die Leute immer mehr von seiner Berührungsangst mit ihrem Leben spüren und immer weniger von Sympathie (oder auch mal Antipathie) und lebendiger Neugier: ein Krisenzeichen, subjektiv wie objektiv.

Entweder man geht das Risiko der persönlicheren Kommunikation ein – Anerkennung wie Enttäuschung, Lob wie Tadel, Zufriedenheit wie Frust werden dann eher auf eine Person gerichtet, die, zusammen mit anderen, in der Region das kirchliche Amt repräsentiert. (Freilich – diese Person wird, weil sie einem auch die Grenzen ihrer Möglichkeiten personaliter zumutet, als authentisch erlebt, also als glaubhaft.) Oder man zieht dem das Risiko der objektivierenden Kommunikation vor: Man wird uns, mitten in einer Zeit, in der Institutionen in Misskredit geraten sind und man sich gerade für Seelsorge und öffentliche Verkündigung nach halbwegs authentisch inkarnierten Menschen sehntvi, eher als gesichtslos und verantwortungsscheu wahrnehmen, als Funktionäre eines bürokratischen Systems.vii

Ich bin froh, in einem Organismus zu arbeiten, der im Gefolge einer großen und erstaunlichen Bewegung entstanden ist, durch Inkarnation des Worts in das Fleisch und Blut, den Atem, die Stimme und den Herzschlag, in die Begrenztheiten, die Fehlbarkeiten und die Begabungen, in die Risiko-, Konflikt- und Verantwortungsbereitschaft, die Angreifbarkeit und Verletzlichkeit zuerst eines, dann vieler Menschen – geistbewegt in Fleisch und Blut.

Verantwortung heißt: Ich bin bereit, Red’ und Antwort zu stehen. Leibhaftig. Persönlich. Wenn ich gefragt werde. Auch nach meinen Pflichten und den Reserven und Grenzen meiner Zeit und meiner Kraft. Solche Fragen werden im Milieu meines Berufs eher verdeckt gestellt als offen. Da bekommt man manchmal das genervte Gefühl, wir mit unserer Plackerei seien den Leuten egal.

Verantwortung. Antwort. Das kann nicht heißen, ungefragt anderen Menschen Stundentabellen oder Normwerte vorzubeten – und sei es im Kirchenvorstand. Dies würde manche gewiss tief beeindrucken. Und sie an der persönlichen Verantwortungsfähigkeit des Vorbeters ebenso zweifeln lassen wie an seiner Bereitschaft, selbst ja oder nein zu sagen, selbst ein Muh oder ein Mäh über die Lippen zu bringen.viii Würdelos wäre das, ein Versteckspiel, vor allem eine peinliche Haltung verdruckster Selbstapologetik und Selbstbehauptung.

Auf der Angst vor Selbstverlust ruht keine Verheißung, jedenfalls keine erfreuliche.ix Entweder ich bin als Christenmensch ein freier Herr und dienstbarer Knecht aller Menschen, niemandem untertan und allen zur Rechenschaft bereit, oder ich unterwerfe mich und berechtigte wie unberechtigte Fragen der Anderen nach meiner Arbeit dem kleinteiligen Karo institutioneller Definitions- und Kontrollmacht und eigener Verteidigungswünsche. Nur: Was ist schon alles passiert, wenn ein Pfarrer so etwas für nötig hält oder auch nur erwägt, was also zeigt sich da an Krise, an falscher Belastungx, an Ichschwächung und zerstörtem Vertrauen?

 

III. Pfarrerinnen und Pfarrer: Stundenlohnempfänger? Selbständige Handwerkerinnen? Alimentierte?

Zuerst für Industriearbeiter, später auch für Angestellte und unselbständige Handwerker waren feste Wochenarbeitszeiten ein Ergebnis generationenlanger harter Kämpfe um Recht und Würde ihrer Arbeit. Auch die Beamten profitieren bei den Anpassungen ihrer Besoldung ans allgemeine Gehaltsniveau von dem, was die Gewerkschaften und Parteien der Arbeiterbewegung und nicht sie selbst erkämpft haben. Sie freilich bezogen von Anfang an und beziehen auch heute keinen Zeitlohn. Sie werden alimentiert.xi

Das Prinzip der Alimentation sagt: Damit ich mich nicht korrumpieren lassexii und damit ich und die, die ich zu unterhalten habe, trotzdem sorgenfrei leben können, hält mein Dienstgeber mir durch Gehalt, Dienstwohnung, Beihilfe, Ruhegehalt usw. materiell verlässlich den Rücken frei. Dafür stelle ich meine Charismen, meine Kraft und meine Mühe zur Verfügung, bis meine Arbeit getan ist. Ich werde nicht gelöhnt für Zeiteinheiten oder, nach Art des Stücklohns, für Einzelleistungen. Ich stehe im Sold, erhalte also für meine Präsenz und Verantwortung ein existenzsicherndes Fixum.

Das klingt beim ersten Hören archaisch, für Viele anachronistisch. Schauen sie genauer hin, so sehen überraschend viele Kolleginnen und Kollegen, übrigens auch einige, die wie ich in Teilzeit arbeiten, ihre Lebens- und Arbeitsverhältnisse im Alimentationsprinzip recht treffend beschrieben.

Das Problem scheint darin zu liegen, dass nicht mehr klar bestimmt ist, was das denn sei, unsere Verantwortung, unsere Pflicht. Früher haben Herkommen, staatliche Obrigkeit und Comment, stets aber auch die Innenleitung durch ein pastorales Gewissen konturiert, was Pfarrerspflicht war: Predigtvorbereitung, viel mehr Besuche als heute, vor allem bei Armen und bei Gehbehinderten und Kranken, denen der wöchentliche Besuch des Pfarrers das Mitfeiern des Gottesdiensts ersetzte. Gottesdienste, Kasualien. Letztere fast ohne individuelle Vorbereitung oder ausführliches Gespräch. Unterricht unter Schülern, Präparanden, Konfirmanden und in der Christenlehre, dazu die leidige geistliche Schulaufsicht. Bibellese und persönliches Gebet, theologische Studien. Verwaltung relativ wenig – hauptsächlich, um das oft aus Dutzenden von Gefällen und Nutznießungen zusammengesetzte Stelleneinkommen sicherzustellen, das auf dem Land zu wesentlichen Teilen in bäuerlicher Arbeit selbst erwirtschaftet wurde. An administrativem Schrift- und Mailwechsel fiel in Eingang und Ausgang in einem Jahr weniger an als heute an zwei Tagen. Gruppen und Kreise – Fehlanzeige, sie waren bis 1848 polizeilich verboten und der Pfarrer Büttel dieses Verbots.

Mit der Verkirchlichung der freien Werke von Mission und Diakonie und vieler ursprünglich freier Vereine zu gemeindlichen Gruppen und Kreisen (verdichtet um das Jahr 1934 zur Abwendung drohender Gleichschaltung), mit der Dynamisierung des Bau- und Finanzwesens und der wachsenden Neigung zentraler kirchlicher Dienststellen, Kirchengemeinden und Pfarrämter als ihre örtlichen Agenturen zu betrachten, rollten breite Schübe neuer Arbeit, Tonnen beschriebenen und bedruckten Papiers und Milliarden von Bytes auf die Gemeindepfarrer, ihre verstopfenden Hirnwindungen und ihre materiellen oder elektronischen Abfallkörbe zu.

Zuerst von obrigkeitlicher Aufsicht, später mehr und mehr auch von autoritären Führungsstilen befreit und dafür der dezentralen Abstimmung mit dem Kirchenvorstand und, wo es sie gab, Kolleginnen und Kollegen aus anderen Berufsgruppen und auf weiteren Pfarrstellen in Gemeinde und Nachbarschaft überlassen, setzten Pfarrerinnen und Pfarrer die Schwerpunkte und Grenzen ihrer Arbeit schubweise seit etwa 1918 in immer persönlicherer Verantwortung. Das funktioniert leidlich gut, fordert aber allen Beteiligten und gelegentlich auch von denen, die Dienstaufsicht üben, die Mühe fast ständigen Ausbalancierens, Verhandelns und Verantwortens ab.

In vielen Regionen unserer Landeskirche fällt auf, dass, vor allem in Nachbarschaft und überschaubar zugeschnittener Arbeitsregion, in Absprache und bodennaher Selbstorganisation funktionierende und breit akzeptierte Netze kollegialer Koordination und wechselseitiger Entlastung gewachsen sind, die allerhand organisatorischen Bemühungen „von oben“ den Wind aus den Segeln nehmen, weil sie deren Entbehrlichkeit, zumindest deren subsidiären Charakter erweisen – mit dem subversiven Charme der sich selbst organisierenden Basis, ohne die unsere Kirche nicht funktionieren würde und die zur Zeit kaum gesehen und noch weniger geschätzt wird.

In manchen Gemeinden, kleinen Arbeitsregionen oder kirchlichen Dienststellen mit etwa zwei bis sechs Theologenstellen, ein Teil davon in Teilzeit besetzt, zeichnen sich neue Konfliktmuster ab – mag das nun eher an der zeitgeistigen Überhöhung der Verantwortung bei „Führungspersönlichkeiten“ liegen oder an der ungleichen Verteilung von Information und Überblick zwischen denen, die in Vollzeit und denen, die in Teilzeit beschäftigt sind, ein immer noch junges Phänomen, an dem wir noch lernen

Erstes Beispiel: Eine in Vollzeit Arbeitende überblickt die Fülle der Arbeit, identifiziert sich in hohem Maße mit den Pflichten und übernimmt nach der Art etwa eines selbständiges Handwerkmeisters in einem kleinen Betrieb überproportional viel Verantwortung und Arbeit. Mehrere in Teilzeit mit ihr zusammen Arbeitende regredieren in Lehrlingsrollen, achten jeweils beflissen auf die Grenzen ihrer Aufträge und werfen der Engagierten allerhand vor: Unprofessionalität, Überidentifizierung, mangelnde Abgrenzung und dergleichen – wie man das jetzt eben so macht. Sie wird ärgerlich etwas brummeln von Pflichtvergessenheit und Ernst des Lebens – wie man das eben seit langem so macht – und dabei erschrecken, wie patriarchal sie auf einmal tönt; denn tatsächlich wandern Motive klassischer Generationenkonflikte hinüber in die noch wenig erkannten Konflikte zwischen in Teil- und in Vollzeit Arbeitenden.

Das zweite Beispiel ist nur die andere Seite derselben Medaille. Aber hier zeigt sich die gegenwärtige Übergewichtung von „Führung“ in unserer Kirche eklatant: Eine „Führungspersönlichkeit“ zeigt hypertrophes Führungsverhalten, sucht sich die Aufgaben heraus, die dafür attraktiv erscheinen und schnelle Lorbeeren in der Öffentlichkeit verheißen, beschränkt sich aufs Koordinieren und gelegentliche, oft scharf unkollegiale Interventionen und im übrigen aufs Repräsentieren, überlässt die tatsächliche Arbeit als „operationales Geschäft“ ( – was für ein schäbiges Wort für Seelsorge und Gottesdienst!) den Kollegen und stört diese dabei immer wieder durch ihr Wichtigtun. Hier werden – um im leicht hierarchischen handwerklichen Vergleich zu bleiben – die Gesellen in die Meisterrolle geschoben, weil der Meister die Bodenhaftung verloren hat, nur noch Schaufenster dekoriert und sein Handwerk nicht tut. Statt der klassisch bei solchen Rollenverschiebungen zu vermutenden Führungsschwäche, die ein Machtvakuum entstehen lässt, in das dann andere vorstoßen, ist hier eine Führungsschwellung oder –blähung entstanden, die Andere, Pflichtbewusstere zum Handeln über ihre Pflicht hinaus nötigt, damit die wirkliche Arbeit, vor lauter „Führung“ liegengeblieben, überhaupt getan wird.

Eine Diskussion solcher Phänomene der Rehierarchisierung von Kollegialität und der ungleichen Verteilung von Arbeit und persönlichem Verantwortungsbewusstsein durch ungleiche Verteilung der Stellen ist bislang m. W. noch nicht in Gang gekommen. Es wirkt sich verheerend auf Arbeit, Beziehungen und Atmosphären aus, wenn der Blick fürs Ganze als „strategische“ ( – ein martialisches Wichtigtuerwort, merkt das noch jemand?) Aufgabe an „Führungspersönlichkeiten“ delegiert wird und ihnen vorbehalten bleibt – oder auch ganz pragmatisch den in Vollzeit Arbeitenden, wenn bei ungleichen Stellenzuschnitten offenbar auch ein Dutzend Besprechungsstunden im Monat nicht ausreichen, um die Unterschiede der Wahrnehmungsmöglichkeiten und -horizonte für das Ganze der Aufgaben, das daraus resultierende Gefälle zwischen besserer und schlechterer Informiertheit und das demensprechend ungleich verteilte Verantwortungsbewusstsein halbwegs auszugleichen.

In manchen Gemeinden, kleinen Arbeitsregionen oder kirchlichen Dienststellen mit etwa zwei bis sechs Theologenstellen, ein Teil davon in Teilzeit besetzt, zeichnen sich neue Konfliktmuster ab – mag das nun eher an der zeitgeistigen Überhöhung der Verantwortung bei „Führungspersönlichkeiten“ liegen oder an der ungleichen Verteilung von Information und Überblick zwischen denen, die in Vollzeit und denen, die in Teilzeit beschäftigt sind, ein immer noch junges Phänomen, an dem wir noch lernen.

Wichtig für die gegenwärtige Debatte um Dienstordnungen erscheint mir, dass die Mühen und Konflikte des Aushandelns, der eigenen Schwerpunktsetzung und des persönlichen Verantwortens Früchte, Kosten, in mancher Hinsicht aber auch Gestalt einer Freiheit sind, der Befreiung des Gemeindepfarramts aus dichtmaschiger obrigkeitlicher Regulierung, die mit der bayerischen Novemberrevolution von 1918 längst noch nicht erledigt ist. Wer das ignoriert, riskiert, mit dem Bade das Kind auszuschütten und mit der Arbeit und dem Konfliktpotential personaliter verantworteter persönlicher Entscheidungen auch wesentliche Elemente der Freiheit eines Menschen preiszugeben, der in Wort, Tat und Existenzweise Befreiung, Gewissenhaftigkeit und Verantwortung, Versöhnung und einen der freien Einsicht folgenden und durch sie begrenzten Gehorsam verkündet, der mehr Gott gilt als den Menschen.

Verantwortungsbereite Persönlichkeiten, die planen und strukturieren können, kommen mit den Freiheiten und Mühen eines weithin selbst strukturierten und verantworteten Dienstes relativ gut klar. Wer unter ihnen kreativ, initiativ oder sehr gewissenhaft arbeitet, setzt sich dabei leicht den Risiken ständiger Selbstüberforderung aus.

Freilich: kreativ, initiativ, sehr gewissenhaft – selten alle drei, öfter zwei, mindestens aber eines dieser drei Adjektiva oder Adverbia treffen nach meiner Beobachtung auf jede und jeden von uns in hohem Maße zu.

In jedem Beruf sind die Zufriedeneren die, die das Ganze und als Ganzes Sinnhafte der Arbeit sehen, ihren Teil daran aus möglichst freien Stücken, nach Möglichkeit in kollegialer Absprache, stets aber selbst bestimmen und verantworten und ihn dann tun, bis er getan ist oder in vertretbarer Fragmentarität stehenbleibt. Gar zu viel auf die Uhr zu schauen, stört dabei. Selbständige, Handwerksmeisterinnen, Familienfrauen pflegen ungefähr so zu arbeiten.

Meiner Frau und mir fallen oft schon in den Septemberwochen in neu übernommenen ländlichen Schulklassen einige Kinder auf, die man nicht zur Arbeit tragen („motivieren“) muss wie den Hund zum Jagen. Sie sehen die Arbeit selbst, gehen sie aus eigenem Antrieb an und hören auf, wenn sie getan ist – ob vor oder nach dem Gong, ist ihnen nicht so wichtig. Auffallend häufig entstammen sie Handwerker- oder bäuerlichen Familien. Stundenraster stören sie nur bei ihrem lustvollen, oft kreativen, gelegentlich wunderbar selbstvergessenen Tun. Ließe man sie nach ihrem Maß arbeiten – sie brächten den getakteten Betrieb durcheinander, so wie sie sich überhaupt mancher pädagogischen Bemühung entziehen und leicht als anstrengend gelten, weil sie erfreulich innengeleitet arbeiten und in ihnen Autonomie wächst und Selbstverantwortung reift. Sie bringen Beachtliches zustande und haben Lust daran.

Das birgt für eine demokratische Gesellschaft größte Vorteile in sich, entspricht fast idealtypisch den Zielen einer evangelischen Persönlichkeitsbildung, strengt, wie jede reifende Selbständigkeit, an und erzeugt statt arbeitsrhythmischen Gleichschritts eigenwillige Idiorhythmiker. Pfarrerinnen und Pfarrer stehen mit ihren Aufgaben und hoffentlich mit ihrer Einstellung diesen dem Betrieb nicht ganz angepassten Kindern näher als jenen, die durch Stundentakte, Versauerung der Pflichten und den Ersatz lebendiger Neugier und wacher Innenleitung durch allerlei Motivationsgehampel zu lustlos subalternen Zeitarbeitern erniedrigt worden sind, die man dann in ständiger Anstrengung durch Leitbildsprüchlein (die Fleißbildchen von heute?), Belohnungen, grandios paternalistische Betüttelungsworte („wohlbehalten“), Kampagnen und ähnliche Surrogate für ein eigenes, aus Glauben und gesundem Eigen-Sinn sich stetig erneuerndes Wollen bei Laune halten muss.

Ohne ein gerütteltes Maß an Innenleitung überlebt, wer als Pfarrerin oder Pfarrer in einer Gemeinde arbeitet, als integre Persönlichkeit kaum die erste Arbeitswoche. Wir mit unserem archaischen Beruf gehören eher zu den Handwerkern, Familienfrauen, Künstlern, Selbständigen und Landwirtskindern. Gewiss nicht zu denen, die nach Stunden entlohnt werden.

 

IV. Wer Stunden zählt, lockt Erbsenzähler auf den Plan. Die Geister, die ich rief.

Auf vielen Papieren und Festplatten sollen also künftig ungezählte Details über quantitativ beschriebene Belastbarkeiten von Pfarrerinnen und Pfarrern stehen, so pingelig wie wirklichkeitsfremd.

Aber jederzeit verwendbar. Papier ist geduldig. Daten können interessenbestimmt eingesetzt werden. Wir, die aktiven Pfarrerinnen und Pfarrer unserer Landeskirche werden weniger. Schneller als die Gemeindeglieder und schneller als die Stellen weniger werden. Kurzfristig werden die Vakanzen mehr werden, damit auch die zeitlichen Belastungen der im pastoralen Dienst Verbleibenden. Mittelfristig wird man versuchen, das durch größere Sprengelzuschnitte und Zusammenlegungen in den Griff zu bekommen.

Einige Dinge lassen sich delegieren. Aber der Dreieinige muss weiter verherrlicht, sein Mahl festlich gefeiert, die öffentliche Fürbitte will weiter wach und zeitgenössisch gebetet, Täuflinge müssen getauft, Paare getraut, Tote würdig bestattet werden. Manches wird gar nicht gehen ohne die Umverteilung der gleichen oder der nur wenig geminderten Last auf weniger Schultern.

Mit subalternen Zeitarbeitern wird das leichter gehen, glatt und freudlos. Mit dem Mut zum selbständigen Blick auf die Arbeit, die nun einmal getan werden muss, und zum nüchternen Blick auf die Endlichkeit von Kraft, Lebens- und Arbeitszeit, mit dem Risiko, sich selbst persönlich zu verantworten, kaum weniger effizient, ein wenig anstrengender, dafür aufrechter und aufrichtiger.

Wo die Enge, hier die Engmaschigkeit von Dienstbeschreibungen regiert, wird es unter solchen Umständen noch enger werden. Wenn die Pflichten vieler Pfarrerinnen und Pfarrer dicht erfasst sind, liegt es nahe, Schrauben fester anzuziehen. Ein Mausklick langt. Befreundete Kollegen aus Kantonalkirchen der alemannischen Schweiz haben mir erzählt, wie ihnen Mitglieder der Chillepfläg (des Presbyteriums) detailversessen, kontrollwütig und mit wenig Rücksicht auf ihre persönliche Gestaltungsfreiheit und Verantwortungsbereitschaft mit Viertelstundenrastern in die Details ihres Dienstes hineinregieren und unangemessene Arbeitgeberallüren entwickeln. Kirchliche Konflikte dort erhitzen sich in diesen Jahren oft ins Unerträgliche. Dienstordnungen, auf die sich die Quälgeister gern berufen, heißen dort übrigens in erfrischender Klarheit „Pflichtenheft“.

Den spezifischen Notwendigkeiten der Region oder des Orts angemessene, kollegial, also dezentral und horizontal (und damit im besten Sinn „subversiv“) ausgehandelte Vereinbarungen in allen Ehren. Davon können wir kaum genug haben. An vielen Orten fehlen sie noch. Wer aber einen wesentlichen Teil seiner Bereitschaft zur personalen Verantwortung an ein Stück Papier delegiert und dem Text darauf damit eine gewisse Autorität verleiht, sollte sich nicht wundern, wenn dieses Stück Papier sich eines Tages gegen sie oder ihn selbst richtet. Nicht gegen Trägheit oder Faulheit, sondern gegen Gestaltungslust, Personalität und notwendige Schlupfwinkel der Freiheit in einem der vielfältigsten, freiesten und (also?) schwierigsten Berufe – um Machtgehabe und Kontrollgelüst zu bedienen.

Herr, schmeiß Rückgrat vom Himmel.

Hans Schlumberger

Pfarrer in Weißenbronn

Wiss. Mitarbeiter des Synagogengedenkbands Bayern

iAuf diesen Widersinn hat Erhard Eppler schon 1974 hingewiesen: E. E., Ende oder Wende. Von der Machbarkeit des Notwendigen, Stuttgart 1974, vor allem S. 46-55.

iiSonst schafft das für unsere Arbeit nur der Dialekt gewisser Regionen Mittelfrankens: „Schee hommsas gmacht, Herr Bfarrä, Ihr’ Woar …“

iiiAchille Mbembe: Die neue Apartheid. Über den Neoliberalismus und seine „Neger“. Dankesrede für den Geschwister-Scholl-Preis. Zitiert nach der Übersetzung aus dem Französischen von Solveig Rose, Süddeutsche Zeitung Nr. 277 vom 1.12.2015.

ivÜbersehen wird dabei, dass der ständige Wechsel der Tätigkeiten im Gemeindepfarramt oft strapazieren kann, dass aber andererseits variatio delectat, weil wir starke Belastungen durch die eine Arbeitsform bei anderen Arbeiten ein wenig kompensieren können. Die einfältig binäre Logik (Dienst/“Freizeit“), die Dienstordnungen in der Regel zugrundeliegen wird, fährt wie ein Kahlschlag über die vielfarbigen Landschaften unserer Arbeitswochen und wird bunte Lebensfarben aufs binäre Schwarzweiß reduzieren, als hätte es nie so etwas gegeben wie den klugen Leitbegriff der Konvivenz. Was ist das Weiterplaudern nach dem Taufgespräch, was sind die Begegnungen und Gespräche beim Tränenbrot nach der Bestattung, was ist die schlichte leibliche Präsenz, die Ansprechbarkeit zwischen Gartenarbeit und dem Gespräch über den Zaun, das zum Reich Gottes vielleicht mehr beiträgt als manche unserer „dienstlichen“ Bemühungen, was die Lektüre eines interessanten Buches, das, eher zufällig, auch die theologische Leidenschaft bedient? Dienst? Privatvergnügen? „Freizeit“? Arbeit?

Bei dem Nazarener immerhin war es wesentlicher Teil seiner Sendung ins zeichenhafte Leben, gut orientalisch stundenlang mit vormals Fremden zu Tisch zu liegen und das zu tun, was ihm den Ruf eines Fressers und Weinsäufers (Mt 11,19 par Lk 7,34) einbrachte. Das vielleicht subversivste und darin klügste und vermutlich wirksamste Medium der Mission, des Wachstums also des Reiches Gottes, ist die unaufdringliche Präsenz unter den Menschen, das Zusammenleben und Miteinanderteilen im Gefälle der Inkarnation des Wortes in Leiber, die fähig sind zum Teilen, zu Kommunion und Kommunikation, zu Worten, Schweigen, Zeichen, Lachen, Bekennen, Leiden, Feiern, Tränen, Essen und Trinken.

Wir sollten nicht eifrig bemüht ihren Dialekt sprechen. Wir sollen ihre Sprache hören, ihr oft hartes Brot essen, ihren Schmerz teilen, ihre Leidenschaften spüren, ihre Feste mitfeiern, so gut wir können, ohne uns anzubiedern. Das geht nur in verantwortlich dosierter Konvivenz, nicht in kleinlich überstrukturiertem Stoppuhrdenken.

Nun bin natürlich auch ich Kind unserer ins Private vernarrten Zeit und fliehe gelegentlich vor unerledigten Pflichten, unausgesprochenen Dauerappellen an meinen Diensteifer und unsichtbarer sozialer Kontrolle in die Anonymität der Großstadt oder die anderen Zeitqualitäten eines Urlaubs. Nur: Welche Sprache spricht, welche Botschaft vermittelt es, wenn ein abgrenzungspanischer Kollege grundsätzlich jeden freien Tag, fast jede freie Stunde außerhalb seiner Gemeinde verbringt? Und wie viele Farben nimmt er seinem Leben damit weg?

vVgl. Mk 2,27.

viVgl. das meist recht originell und liebenswürdig dargestellte kirchliche Personal in vielen Fernsehserien.

viiIn Michael Endes Roman „Momo“ (1974) legitimieren sich die Farbe und Freiheit raubenden Grauen Herren bezeichnenderweise als Zeitsparer.

viiiDass verzagte Leiber keine fröhlichen Geräusche hervorzubringen vermögen, hat drastischer Martin Luther festgestellt.

ixVgl. Mt 16,25 parr.

xDas Wort Überlastung nähert sich dem Phänomen summarisch an, rein quantitativ und damit nach Art der Geldwirtschaft (siehe den ersten Teil dieses Beitrags) pauschal und Qualitäten zu Quantitäten umdefinierend und also negierend – von dem herablassend-demütigenden Unterton dieses oft ein wenig vergifteten Entlastungsversuchs ganz zu schweigen. Ähnlich tun es andere im Schwange stehenden Begriffe, so die verbreitete Tankstellen- und Batterienmetaphorik, die die Auffüllung von Tanks oder Akkus mit irgendwelchen Quantitäten als Heilmittel oder gar als Bild spiritueller Erfahrung anpreisen – für Menschen (!), die bei näherem Hinschauen oft gar nicht leer sind, sondern übervoll an Überdruss, Wut oder gesundem Zorn und bei Gott und den Menschen standfeste Gegenüber und in Psalm und Klage füllige Sprachgefäße zum Ablassen und Auskotzen brauchen. Nach meiner Beobachtung geht es unter Pfarrerinnen und Pfarrern oft um solche Stau- und Überdruckphänomene (bis in die ausdrucksmächtige Leibhaftigkeit von Magen, Darm, Herz, Hirn und Arterien) und noch öfter um nur qualitativ zu beschreibende, dem Denken in Quantitäten gar nicht zugängliche Fehlforderungen, zum Beispiel durch Büroarbeit anstelle von mehr Zeit für Seelsorgebesuche oder durch Religionsunterricht statt des stillen Brütens über einem Psalm. Quantifizierende Modebegriffe wie Auszeit (ein Wort, das eine Workaholic oder einen Depressiven nur in den nackten horror vacui versetzen kann) und burn out, auch und vor allem dann, wenn sie ohne qualitativ differenzierende Bestimmung nach Einzelbegabungen (oder meinetwegen nach „Handlungsfeldern“ – nur entspricht letztere Systematik mehr institutionellen Interessen wie der Überschaubarkeit kategorialer Schubladen, der Reduktion der realen Komplexität kirchlichen Dienstes oder der „künftigen Verwendung“ als dem charismatischen Profil des Menschen, um den es geht) summarisch verwendet werden, auch das meist mehr demütigende als befreiende Wort „Überforderung“sowie die mir stets etwas naiv erscheinende Zuversicht, man könne die Abgrenzung von Teilzeitstellen primär summarisch-quantitativ bestimmen, verwischen Lebens- und Leidenswirklichkeiten pauschalierend, statt sie qualitativ zu beschreiben.

xiZur aktuellen theologisch-kritischen Würdigung des Alimentationsprinzips für Pfarrerinnen und Pfarrer vgl. die Thesen der Bayerischen Pfarrbruderschaft zur Pfarrbesoldung und ihre Erklärung zum Thema Lohn und Gehalt in der Kirche, veröffentlicht auf ihrer website www.pfarrbruderschaft.de.

xiiGewähr einer materiell unabhängigen Existenz als Schutz vor Bestechlichkeit. Fremd mag das heute klingen, ein wenig neugotisch. Im triumphierenden Marktkapitalismus wird es brandaktuell, wenn man für Korrumpierbarkeit und Bestechlichkeit die nicht weniger korrupte Bereitschaft einsetzt, aufgrund gewisser Bequemlichkeiten die biblisch und gewissenhaft geklärte Verkündigung in Gesetz und Evangelium durch problematische Schonungen, durch Stillhalten, schiefe Kompromisse, „positives“ Reden oder durch Rücksichten zu trüben. Natürlich ist unsere relativ großzügige, zu einer unabhängigeren Existenz beitragende Alimentation nur möglich durch die Kirchensteuer. Sie verpflichtet zu gewissenhafter Unbestechlichkeit, heute m. E. primär in der öffentlichen Verkündigung zu öffentlichen Fragen. Pointierter ausgedrückt: Die Vergütung religiöser Einzeldienstleistungen nach Stundenlohn wird eher einseitig die priesterliche Dimension unseres Dienstes wachhalten, die Alimentation, die einer theologischen Existenz den Rücken und gewisse Spielräume frei hält, neben jener auch die prophetische.

“Göttinger Predigten” im Internet

Zielsetzung, Profil und Bedeutung

von Matthias Wolfes

Die „Göttinger Predigten im Internet“ erscheinen seit dem 31. Oktober 1997. Sie haben sich innerhalb kurzer Zeit als vielbesuchte Seite etabliert und seither auf hohem Niveau halten können. Das bezieht sich vor allem auf die Qualität des angebotenen Inhalts, meint aber ebenso die große Zahl von Mitwirkendenden wie den erstaunlich breiten Zuspruch von Besucherseite.

1. Zielsetzung

Das Konzept hat sich seit der Anfangszeit nur geringfügig verändert. Auf die Frage eines Lesers, ob „ich eine Predigt vollständig kopieren und selbst halten“ darf, lautete die Antwort in den ursprünglichen redaktionellen Mitteilungen: „Ja. Die eingestellten Predigten sind zwar in erster Linie als Anregungen für das Erstellen einer eigenen Predigt gedacht, aber auch die vollständige Übernahme eine Predigt ist möglich. Sie müssen beim Halten der Predigt nicht auf die fremde Autorschaft hinweisen. Indem Sie die Predigt halten, wird sie zu der Ihren.“
Diese Auskunft hat seither an Gültigkeit nichts verloren. Im Juni 2003 hieß es unter dem Stichwort „Konzeption“: „Die Göttinger Predigten wollen aktuelle Predigten zur Verfügung stellen, d.h.: Sie sind erst wenige Tage vor dem jeweiligen Sonntag bzw. Feiertag verfaßt worden. [...] Sie sind fertige Predigten. Auf diese Weise wollen sie zum Mitdenken anregen und bei Verwendung im Gottesdienst zum Mitgestalten einladen.“
Ähnlich klingen auch die Ausführungen in der aktuellen Fassung: „Die Göttinger Predigten im Internet stellen aktuelle Predigten für die global gewordene Welt zur Verfügung.“ Als „ausgearbeitete Predigten“ bieten sie „nicht nur Bausteine“, sondern „können Predigerinnen und Predigern bei der Vorbereitung ihrer Predigten hilfreich sein“. Zwei weitere Aspekte werden genannt: „Gemeindemitglieder lesen sie zur Vorbereitung des Gottesdienstes oder dessen Nachbereitung. Die Predigten unterstützen die theologische Ausbildung. In ihrer Verbindung von Theorie und Praxis dienen sie zugleich der Forschung.“
So anspruchsvoll die Selbstbeschreibung auftritt, so versiert ist auch die historische Lokalisierung. Als Vorbilder für die angestrebte „institutionelle“ Verbindung von Theologie und Praxis dienen „die Predigten Luthers oder Schleiermachers“; eine Art Programmtext ist Luthers „Sendbrief vom Dolmetschen“. Aber auch das Urbild des protestantischen Gelehrtengeistlichen wird beschworen: Die gebotenen Texte „sind das Ergebnis umfassender Predigtarbeit, beginnend mit der wissenschaftlichen Arbeit am Text und dessen theologischer Reflexion, endend mit der homiletischen Umsetzung des Erarbeiteten in der aktuellen Situation“. Ernst Lange (dessen Name auf der neuesten Einführungsseite nicht mehr genannt wird) war denn auch während der ersten Dekade des Bestehens eine Art Symbolfigur der „Göttinger Predigten“.
Nicht ganz so kontinuierlich verlief die Entwicklung auf Herausgeberseite. Die Begründer waren Ulrich Nembach und Johannes Neukirch; die redaktionelle Arbeit besorgte Reinhard Schmidt-Rost. Seit 2006 versahen Christoph Dinkel und Isolde Karle diese Arbeit. Eine Krise im Betreuerkreis führte im Oktober 2010 zu einer Trennung; seither erscheinen neben den „Göttinger Predigten“ auch die „predigten.evangelisch.de“. Alleiniger Herausgeber ist jetzt Nembach. Ihm steht für die redaktionellen Belange eine Mitarbeiterin zur Seite; die technische „Infrastruktur“ stellt die Universität Göttingen zur Verfügung.

Zum Mitarbeiterkreis heißt es derzeit: „Die Verfasserinnen und Verfasser gehören christlichen Kirchen an. Viele von ihnen sind Lutheraner, meist ordinierte Pfarrerinnen und Pfarrer, Professorinnen und Professoren.“ Inhaltlich macht sich eine lutherische Prägung nicht bemerkbar; die Aussage ist vielleicht dem Umstand geschuldet, dass alle vier Mitglieder des ursprünglichen Herausgeberkreises lutherischen Kirchen angehörten. Dagegen dominieren unter den Autoren in der Tat Geistliche und Mitarbeiter theologischer Studieneinrichtungen sehr stark. Von den sieben Autoren für den Sonntag Reminiscere des laufenden Kirchenjahres gaben vier „Pastor“ oder „Pfarrer“ und einer „Bischof“ als Berufsbezeichnung an. Ein weiterer Autor war Theologieprofessor, der siebente christlicher Publizist. Am vorangegangenen Sonntag Invokavit wirkten zwei Pfarrerinnen, ein Pfarrer, ein emeritierter Theologieprofessor sowie der Direktor einer EKD-Stiftungseinrichtung mit. Auffällig ist der gleichbleibend hohe Anteil von Geistlichen und Theologen im Ruhestand; einzelne von ihnen gehören zu den produktivsten Autoren. Die Gesamtzahl der Mitwirkenden geht in die Hunderte. Mitte 2006 waren es mehr als dreihundertundfünfzig.

Genaue Angaben zu den Zugriffszahlen oder auch zur Verteilung über das Kirchenjahr werden zwar erhoben, sind aber öffentlich nicht bekannt. Eine Selbstauskunft vom Februar 2007 lautete: „Die Göttinger Online-Predigten werden aus über 90 Ländern der Erde abgerufen. [...] Täglich wird die Seite von durchschnittlich 1850 Nutzern besucht. Vor Feiertagen wie Ostern oder Weihnachten steigt die Zahl auf deutlich über 3000 täglich an. Die Zahl der einzelnen Zugriffe auf die Seiten beläuft sich auf monatlich etwa 500.000.“ Im Dezember 2015 wurde die Seite neunhunderttausendmal besucht. Ein Vergleich der Nachfragen im Dezember 2010 und 2015 zeigt, dass die Nachfragen aus Deutschland erheblich, und zwar um zwei Drittel, gestiegen sind. Ein Vergleich der Zahlen von Dezember 2014 und 2015 erbrachte ebenfalls einen Anstieg der Nachfragen 2015. Manche Indizien deuten darauf hin, dass sich seit einiger Zeit das Verhältnis zwischen selbst predigenden und nichtpredigenden Nutzern zugunsten der letzteren Gruppe verschoben hat. Viele Besucher sehen sich mehrere Predigten an. Die Zugriffsstatistik, ein zeitweise rege genutztes „Gästebuch“ (dessen letzte Eintragung allerdings vom 11. August 2012 stammt) und auch sonstige Reaktionen eröffnen der homiletischen Forschung gute Ansatzpunkte, die es allerdings erst noch zu nutzen gilt. Die Frage, ob und in welchem Sinne die „Göttinger Predigten“ ihrerseits eine Art interlokutionäre Gemeinde stiften, mag als Thema der Internethomiletik hier auf sich beruhen.

2. Profil

Homiletische Internetseiten gibt es inzwischen etliche. Die meisten weisen gegenüber den „Göttinger Predigten“ deutliche Unterschiede auf. Zum Teil sind sie konfessionell oder theologisch enger orientiert – besonders aktiv sind in diesem Bereich evangelikale Anbieter –, zum Teil richten sie sich mehr an Leser aus dem Gemeindebereich als an Personen, die Anregungen für selbst zu haltende Predigten suchen. Bemerkenswert ist auch der Umstand, dass inzwischen zahlreiche Geistliche auf persönlichen oder Gemeindeseiten eigene Predigten veröffentlichen, wie überhaupt viele evangelische Kirchengemeinden auf ihren Seiten auch Predigten mitteilen. Hierbei handelt es sich in der Regel um tatsächlich gehaltene gottesdienstliche Ansprachen, die der Gemeinde oder anderen Interessierten „zum Nachlesen“ angeboten werden.

Für die „Göttinger Predigten“ gilt nun zwar gleichfalls, dass sie auf einen breiten, nicht speziell pastoralen Rezipientenkreis bezogen sind. Dennoch ist das Moment der Anregung nach wie vor zentral; als ideale Lektüresituation wird die eigene Predigtvorbereitung des Benutzers vorgestellt.
Dem entspricht auch das Angebot. In der Regel werden mindestens vier, oft aber auch noch weitere Predigten eingestellt. Die Mitarbeiter erhalten – nach vorangehenden Terminvereinbarungen – von der Redaktion Aufforderungen zur Einsendung. Abgabetermin ist der Dienstag vor dem betreffenden Termin; an diesem Tag erfolgt auch die Veröffentlichung. Der Zugang zum Mitarbeiterkreis ist offen, wird jedoch vom Herausgeber reguliert. Ist der Predigttag verstrichen, werden die Predigten in einem nach den Bibelbüchern angeordneten Archiv deponiert und sind dort weiter zugänglich. Allein zum Römerbrief finden sich momentan dreihundertundsechs Predigten. Daneben gibt es die Möglichkeit der Volltextsuche. Der archivalische Aspekt ist unter Forschungsgesichtspunkten von erheblicher Bedeutung. Die „Göttinger Predigten“ begnügen sich an dieser Stelle bisher mit der bloßen Darbietung des Materials, was auch der Sache entspricht, da sie sich nicht Selbstzweck sind.

Den Mitwirkenden steht es frei, eine Predigt zu der jeweiligen Perikope oder zu einem Text der sogenannten Revisionsordnung (Neuordnung der gottesdienstlichen Lesungen und Predigttexte. Entwurf zur Erprobung, Hannover 2014) zu wählen. Durchweg und unabhängig vom theologischen „Schwierigkeitsgrad“ bietet die überwiegende Mehrzahl der eingesandten Beiträge Auslegungen des Perikopentextes. Die Annahme liegt nahe, dass hierin das Interesse der Mitwirkenden zur Geltung kommt, anregend auf die Vorbereitung von Predigenden einzuwirken.

Eine Beschreibung der veröffentlichten Predigten anhand verbindender Merkmale ist naturgemäß schwierig. Die „Göttinger Predigten“ sind ein protestantisches Unternehmen. Die Unterschiedlichkeit ist Programm. So finden sich Texte, die ganz auf die Gemeindesituation bezogen sind und wohl auch vom Autor für sie verfaßt wurden. Andere setzen starke theologische Akzente und nähern sich dem Genus des religiösen Essays. An eine umstandslose Verwendung auf der Kanzel ist dabei nicht gedacht. Viele Mitarbeiter versuchen, das subjektive und das substantielle Moment zu verbinden. Große Mühe verwenden manche auch darauf, ihre Predigt in einen gottesdienstlichen Kontext einzustellen, indem sie Hinweise auf Liedauswahl, Gebetstexte oder andere mediale Elemente (etwa durch Bezugnahmen auf Literatur oder Internetangebote) geben. In allen Fällen aber bieten sich dem Leser Möglichkeiten der Anknüpfung, die aufgenommen werden können.

Schließlich sind noch zwei andere Charakteristika zu nennen: Ein spezielles Signum der „Göttinger Predigten“ sind die „Predigten für besondere Gelegenheiten“. Seit Beginn wurden Reihen zu Einzelthemen oder auch aus kirchlichen und politischen Anlässen veröffentlicht. Das Archiv verzeichnet Predigtreihen zu den Festtagen sowie solche zu Stichworten wie „Konfirmation“, „Buß- und Bettag“, „Adventszeit“, „Krippenspiele“, „Kasualpredigten“, „Katastrophen“ sowie „Friedensgebete“ und „Schule“. Es finden sich Predigtreihen zum Vater Unser, zum Glaubensbekenntnis und dem Dekalog. Augenblicklich läuft eine passionszeitliche Predigtreihe zu den Abschiedsreden Jesu, die von dem Hallenser Neutestamentler Udo Schnelle koordiniert wird. Frühere Reihen dieser Art orientierten sich an Bonhoeffers „Widerstand und Ergebung“ oder Jesu Worten am Kreuz.

Das zweite Moment ist das der Internationalität. Seine Bedeutung ist schwer einzuschätzen, doch scheint für die Organisatoren gerade hierauf von Anfang an ein besonderes Gewicht gelegen zu haben. Angestrebt wird nicht nur eine globale Verbreitung, sondern auch eine weltweite Mitarbeiterschaft. Derzeit gibt es „Redakteure“, die sich speziell Predigten in portugiesischer, spanischer, dänischer und englischer Sprache widmen. Tatsächlich finden sich zum Beispiel für die Sonntage Reminiscere und Invokavit 2016 insgesamt zehn Predigten aus diesen Sprachen von ebenso vielen Autoren. Das Ideal ist das einer „globalen Ökumene“. Doch auch der Effekt nach innen ist im Blick. Im Konzeptionstext heißt es dazu: „Eingeschränkt wird das Verstehen durch Sprach-, nicht durch Landesgrenzen. [...] Predigten aus anderen Ländern können besonders anregend sein. Andere Lebensumstände und Traditionen eröffnen neue Sichtweisen und lehren, Predigttexte neu zu verstehen.“ Auf der Startseite findet sich überdies eine Weltkarte unter dem Titel „Unsere Autoren weltweit“. Die Erläuterung lautet: „Die Autorinnen und Autoren der Göttinger Predigten im Internet kommen aus vielen verschiedenen Ländern. Hier können Sie sehen, woher die Predigten stammen.“

3. Bedeutung

Die „Göttinger Predigten im Internet“ haben sich nach bescheidener Anfangsphase und zwischenzeitlichen Schwierigkeiten mittlerweile einen festen Ort gesichert. Auch gewisse Irritationen in der Öffentlichkeit sind ausgeräumt. Als im April 2008 die Löschung des soeben eingerichteten Wikipedia-Artikels zum Lemma beantragt wurde, begründete ein Nutzer die vermeintliche Irrelevanz damit, dass „niemand“ wisse, „wie viele Pfarrer ihre Predigt danach ausrichten (ich dachte doch tatsächlich immer, die schreiben die wenigstens selbst)“.

Dass sich die Nutzung der Seite und das Selbst-schreiben, das heißt das Predigen in eigener pastoraler und theologischer Verantwortung, nicht ausschließen, unterliegt keinem Zweifel mehr, und auch ein einfaches Reproduzieren – wodurch die Predigt „zu der Ihren“ werde – findet wohl kaum irgendwo statt. Zwar mag ein Moment der Selbstdarstellung bei dem Entschluß zur Mitarbeiterschaft eine Rolle spielen, doch ist das nicht verwerflich. Inwieweit Beiträge der Zielsetzung des Unternehmens angemessen sind oder nicht, entscheidet sich über die Rezeption.

Fazit

Heute, im Rückblick auf bald zwei Jahrzehnte „Göttinger Predigten“, läßt sich sagen: Diese Internetseite bietet ein Forum, dessen Bedeutung für die kirchliche und auch theologische Darstellung des gegenwärtigen Protestantismus gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Es repräsentiert aber nicht nur, sondern ist selbst, ob gelesen, gesprochen oder gehört, eine Gestalt des zur Sprache kommenden Glaubens.

http://www.predigten.uni-goettingen.de/

 

 

Vorstandsbericht des Vorsitzenden auf der Mitgliederversammlung am 16. März 2015

von Andreas Dreyer

Lassen Sie mich mit zwei Zitaten aus all den vielen Kollegengesprächen der letzten Wochen beginnen:
„Wenn mir damals jemand gesagt hätte:  in 20 Jahren wird über ein Viertel aller  Pfarrstellen bei uns gestrichen sein – ich hätte das nicht für möglich gehalten.“  Und ein anderer sagt:  „Wenn es unseren Pfarrverein nicht gäbe, man müsste ihn sofort erfinden!“

Liebe  Vereinsmitglieder, ja, so verstehen und so tun  wir unsere Arbeit im Verein: als ein kritisches und hörbares Gegenüber zur Landeskirche und ihrer ‚Politik‘, die wir aufmerksam verfolgen, auf die wir öffentlich oder auch in direkten Gesprächen mit der Kirchenleitung reagieren. Dafür werden wir nicht geliebt, aber hoffentlich doch beachtet und auch ein respektiert. Und unsere Wirkungen, unsere Ergebnisse sind demzufolge eine Art stetes Wechselspiel von kleinen Erfolgen (davon gleich mehr) und einer nach wie vor problematischen Gesamtsituation in vielen Kirchenkreisen, wo wir auf Abhilfe drängen und eine wirklich grundsätzliche Kursänderung nach wie vor aussteht. Und wo wir  im Rahmen unserer bescheidenen Möglichkeiten versuchen, Verbesserungen zu erreichen. In all dem wurden wir vom Vorstand getragen vom Vertrauen in die Botschaft, die wir weitersagen dürfen – und auch in einer Solidarität untereinander und auch seitens der KollegInnen in den anderen Pfarrvereinen wie auch Pfarrvertretungen. Das hilft dann auch darüber hinweg, wenn wir Ziele nicht erreichen konnten.

Der Vorstand hat sich auch im vergangenen  Jahr regelmäßig zu seinen Sitzungen getroffen, die aktuelle dienstrechtliche Entwicklung beraten und überlegt, auch in Einzelfällen zu Personalia das Wort erhoben und v.a.  mit Eingaben, Presseaktionen, Direktgesprächen mit der Kirchenleitung Verbesserungen im Großen wie im Kleinen (sprich: Einzelfallregelungen) erreicht . Sowohl mit Landesbischof Meister wie mit unserer Personaldezernentin Frau Dr. Wendebourg wie auch mit Dr. Mainusch als Leiter des Rechtsreferates sind wir im direkten Gespräch, was sich als vorteilhaft erweist.

Gut, dass es die KMU gibt!
Dabei hat die Mitgliedschaftsstudie der EKD, über die wir heute Morgen gearbeitet haben, übrigens eine zentrale Rolle gespielt und seit langer Zeit einmal für Wind unter unseren Flügeln gesorgt. Denn endlich wurde einmal von neutraler Seite aus  festgestellt: Wir als Pfarrverein betreiben keineswegs nur Klientelpolitik für unsere Berufsgruppe, wie uns immer wieder vorgeworfen wird, sondern wir behalten sehr wohl das gesamtkirchliche Wohl im Auge; unsere pastorale Präsenz, unser pastoraler Dienst  spielt für viele Menschen eine ganz zentrale Rolle bei der Frage, ob sie in dieser Kirche verbleiben sollen oder nicht – und wie sie unsere Kirche wahrnehmen. Mit einer Presseaktion haben wir uns deshalb frühzeitig entschieden gegen Umdeutungsversuche, die Untersuchung seitens einzelner Kirchenleitungen in ihren Ergebnissen „ zu entschärfen“  und die Kernbotschaft zu verunklaren, gewehrt. Diese hat durchaus auch einigen Wirbel verursacht (was durchaus gewollt war), denn nur so können wir die Kampagnenfähigkeit unseres Vereins unter Beweis stellen: eine für die Zukunft ganz und gar entscheidende Fähigkeit, um in Auseinandersetzungen gut zu bestehen und zu verhindern, dass wir ins Hintertreffen geraten.

Zur Mitgliedersituation
Der Mitgliederbestand unseres Vereins liegt nach wie vor stabil über 1.600 Mitgliedern. Angesichts der Tatsache, dass es in den letzten Jahren ja einen spürbaren Pfarrstellenabbau gegeben hat (mehr als 300 Gemeindepfarrstellen und mehr als 100 Funktionsstellen wurden abgebaut!)  und auch angesichts der Tatsache, dass die Zahlen beim Nachwuchs, Studenten wie Vikare,  geringer werden, ist dies eine deutlich spürbare Steigerung gegenüber der Vergangenheit! Immer mehr KollegInnen  haben erkannt: es macht Sinn, sich zusammenzuschließen, gemeinsam die legitimen Interessen der Pfarrerschaft zu artikulieren, vereint zu agieren  – und eben nicht als EinzelkämpferIn. Und auch nicht darauf zu vertrauen, dass es schon nicht so schlimm kommen würde oder man selber verschont bliebe von all dem, was da an Entwicklungen, Verwicklungen gelaufen ist in den letzten Jahren.
Wir sind damit weiterhin der fünftgrößte Verein auf EKD-Ebene, weiterhin auf Wachstumskurs. Der Mitgliedsbeitrag unseres Vereins ist seit Jahren stabil und wir arbeiten daran, dass dies auch so bleiben kann. Dies haben wir auch dem Verband mitgeteilt, wo über Erhöhungen der Umlage diskutiert wurde und wird. Leider sind wir in den Ausschüssen des Verbandes nicht hinreichend entsprechend unserer Vereinsgröße vertreten, wir arbeiten mit Nachdruck daran, auch hier endlich Verbesserungen zu erreichen, um z.B. endlich auch in der Dienstrechtlichen Kommission der EKD mitwirken zu können.

Pfarrvertretung neu gewählt
Wer unser Blatt im letzten  Jahr gelesen hat, wird festgestellt haben: ein Schwerpunkt in 2014 war die Neuwahl der Pfarrvertretung, bei uns bekanntlich Pastorenausschuss genannt, die nach sechs Jahren wieder turnusmäßig erforderlich geworden war. Auch wenn der „PA“ natürlich rechtlich unabhängig vom Verein ist, war uns doch wichtig, die enge Zusammenarbeit beider Institutionen fortzuführen. – Die Gewinnung von neuen KandidatInnen gestaltete sich diesmal vergleichsweise schwierig, jedoch traten zahlreiche bisherige PA-Mitglieder, so auch ich, wieder an. Nach der Neuwahl im November, dem Aussprechen der Berufungen im Dezember und der Neukonstituierung im Januar ergibt sich für uns aus Vereinssicht ein durchaus erfreuliches Ergebnis: praktisch alle PA-Mitglieder sind auch Vereinsmitglieder, Ellen Kasper, die neue PA-Vorsitzende ist unser Vorstandsmitglied, ich selber bin zum stellv. Vorsitzenden des PA wiedergewählt worden, der alte und neue Schwerbehindertenbeauftragte  ist ebenfalls im Vereinsvorstand aktiv. So können wir im PA wie auch im HPV an der gleichen Themenagenda arbeiten, gemeinsam Schwerpunkte festlegen und verhindern, an entscheidender Stelle auseinanderdividiert zu werden. Der PA wird im Blatt verstärkt aus seiner Arbeit berichten.

Sprecherwahl
Zeitgleich, was ein gewisses Problem darstellte, war nun auch die Sprecherwahl unseres Vereins durchzuführen. Das Sprecheramt ist und bleibt ein wichtiges Bindeglied in die Regionen, ist gleichermaßen Seismograph für uns im Vereinsvorstand, um Probleme frühzeitig wahrzunehmen und agieren zu können  -  wie andersherum  die SprecherInnen Multiplikatoren und Kontaktleute in die einzelnen Kirchenkreise hinein sind. Die Sprecherversammlung im September 2014 vermochte uns ein gutes Bild der derzeitigen Situation der Pfarrerschaft zu vermitteln, sodaß die Schwerpunktsetzungen unserer Arbeit an den entscheidenden Stellen geschehen und nicht auf Nebenschauplätzen.

Sprecherversammlung  
Bei aller Unterschiedlichkeit in den einzelnen Planungsregionen schälten sich dabei folgende Problemschwerpunkte deutlich heraus.

Arbeitsüberlastung
Nach drei schwierigen „Stellenplanungsrunden“ ist nur noch ein ausgedünnes Netz von Gemeindepfarrstellen übriggeblieben, teilweise haben Kollegen bis zu 3.000 Seelen, mitunter noch darüber hinaus, zu betreuen. Das bedeutet heutzutage (Überalterung der Gesellschaft)neben vielem anderen : permanente Beerdigungsbereitschaft…  Eine Tatsache, die unseren Beruf mittlerweile so verändert hat, dass wir dem, was die Menschen von uns mit einiger Berechtigung und aus der Tradierung der Erwartungen heraus erhoffen, nicht mehr im Vollsinne entsprechen können. Mit den Verletzungen seitens unserer Gemeindeglieder, die von uns ein Mehr an Betreuung, auf Neudeutsch: Kontaktfläche erwarten (tradierte Erwartungshaltungen sind ja, siehe KMU, nicht verschwunden, sondern existieren neben neuen Erwartungen fort! ) und mit Schuldreflexen unsererseits, weil wir der gewohnten Betreuung unserer Gemeindeglieder vielfach nicht mehr entsprechen können.

Und all das, obwohl es ja seitens der Kirchenleitung einst  Zusicherungen gab, die Pfarrerdichte auf nicht mehr als ca. 2.500 Seelen pro  100%-Stelle anwachsen zu lassen. Im EKD-Durchschnitt sind es ca. 1.850 Seelen).Und dennoch wurde die „Stellenplanung“ umgesetzt, nicht nur bei Neubesetzungen und mittels kw-Stellen, wie viele Landeskirchen es z.B. aus Vertrauensschutz praktiziert haben. Sondern, und an diesem Sündenfall wird man lange kranken,  unter Eingriff auch in bestehende Dienstverhältnisse.

Strukturelle Verunsicherung
Sie verschärft die Problematik. Erkrankungen von KollegInnen machen Sorge. Notfallseelsorge führt zu Stressbelastungen, Ausgleichszeiten fehlen. Urlaube können nicht mehr vollständig genommen werden.  In Einzelfallberatungen und auch in der Begleitung von KollegInnen ins LKA haben wir zu helfen versucht, wo wir konnten. Eine allg. Tendenz zur sog.  Deprofessionalisierung (I. Karle)  in unserer Landeskirche, was geschützte Kernkompetenzen im Übrigen aller Berufsgruppen, ist festzustellen und trifft auf Kritik unsererseits. Gut ausgebildetes und kompetentes Personal, wenn ich uns einmal so nennen darf, soll und will auch entsprechend seiner Qualifikation eingesetzt werden. Darin sind wir uns einig mit anderen. Bei aller berechtigten Wertschätzung des Ehrenamtes (im Übrigen: zumeist durch uns gewonnen!) darf doch das Priestertum (nicht Pfarrertum!) aller Gläubigen keineswegs gegen das ordinierte Amt ausgespielt werden, wie man mitunter den Eindruck gewinnen konnte.

Erfreuliches:
A14 -  und doch kein Ende. ..
Doch ehe ich in ein Lamento verfalle, seien nun doch auch positive Fortschritte genannt, denn auch die hat es gegeben!   A 14 als Regelbesodlung konnte durch unseren permanenten Einspruch wieder erreicht werden, seit dem 1. Januar ist es soweit, die Durchstufung ist wiederhergestellt. Wenn auch erst für diejenigen, die die 12. Stufe (idR das 53. Lebensjahr)  erreicht haben. Das bedeutet aber immerhin eine spürbare Verbesserung der Gehaltssituation um ca. 250 € monatlich brutto für jede KollegIn. Angesichts der gegenüber den damaligen Prognosen spürbar verbesserten Einnahmesituation der Landeskirche durch KiSt-Mehreinnahmen war dies allerdings auch höchste Zeit, hier einen gravierenden Fehler der Vergangenheit zu korrigieren. Der Verein hat hier in Gesprächen wie auch durch permanente Öffentlichkeitsarbeit und Gespräche mit Synodalen und Kirchenleitenden neben dem PA entscheidend mitgewirkt.

Nun ist dieser Kompromiss i.S. A14 ab der 12. Stufe – und letztlich ist alles Kirchenpolitische natürlich Kompromiss –  von mehreren Seiten in die  Kritik geraten. Ich kann das grundsätzlich sehr wohl verstehen, fordere auch kein Diskussionsverbot in dieser Sache, finde es im Einzelnen jedoch auch undifferenziert und ungerecht, was da im einzelnen gesagt und geschrieben und v.a. wohl auch gemailt worden ist. Deshalb hier zur Klarstellung: PA wie Verein werden weiterhin die Forderung nach A14 mit der Durchstufung in die 10. Stufe, d.h. dem 44. Lebensjahr, aufrecht erhalten und diese nachdrücklich einfordern! Wir hatten auch stets davon gesprochen, dass umgehend nach den erforderlichen Beschlüssen die Umsetzung zu erfolgen habe (und nicht erst ein ¾ Jahr später, wie dann beschlossen). Aber in den entscheidenden Debatten in der Konföderationssynode wie auch in der ADK, in der merkwürdigerweise dieses Thema auch noch behandelt wurde, was wir nicht einmal wussten, waren wir nicht beteiligt oder hatten kein Rederecht. Dort aber wurden die Dinge verändert, nicht in den vorangegangenen Verhandlungen oder Gesprächen mit uns!  Heraus kam eine Verschiebung auf die 12. Stufe, sprich das 53. Lebensjahr im Regelfall. Manche nennen das nun böswilliger weise ‚Greisenzulage‘ -  Doch bei allem Verständnis für Ironie,  das geht zu weit und ist auch Unsinn. – Dem Vernehmen nach haben wir insbes. den Vertretern einer anderen nieders. Landeskirche wie auch einzelnen ADK-Mitgliedern diese nachträgliche Verschlechterung des mit uns zuvor besprochenen Kompromisses zu verdanken. Das ist ärgerlich. Aber es ist nicht uns anzulasten, weder dem PA noch mir als HPV-Vorsitzenden. Ich hätte mir schon erwartet, dass Kollegen das Gespräch mit uns suchen, anstatt mit ihrer Kritik in die Öffentlichkeit zu gehen. Für die Zukunft lernen wir daraus: wir werden nicht nur in der Sachfrage, sondern stets auch im Prozessablauf, im Prozedere Änderungen verlangen, die derartige Beschlussveränderungen ohne unsere Kenntnis verhindern.- Ob uns das gelingt – es bleibt zu hoffen.

Neue Wege
Angesichts von Nachwuchsmangel, Abwanderung von KollegInnen in anderen Kirchen und einer bevorstehenden enormen Pensionierungswelle steht unsere Landeskirche vor großen Herausforderungen, was den pastoralen Dienst betrifft. Studentischer Nachwuchs will geworben werden, Vikare wollen gehalten werden, Pastoren müssen in den Gemeinden auch bei zunehmenden Vakanzen v.a. in strukturschwachen Gebieten vor weiterer Überlastung geschützt werden. So ging im letzten Jahr das Haus“ Inspiratio“ in Barsinghausen an den Start, eine Einrichtung, in der überlastete KollegInnen eine Auszeit nehmen können. Und es wurden Stellen für theologische Nachwuchswerbung eingerichtet. Sowie Verbesserungen für VikarInnen umgesetzt, v.a. in der Kinderbetreuung. Das alles ist zu begrüßen und wird hoffentlich Auswirkungen haben.

Als Pfarrverein wollen und werden wir –bei allem Vortragen von berechtigter Kritik – darum nicht die Bedenkenträger vom Dienst sein, sondern guten neuen Initiativen unsere Zustimmung nicht verweigern, wenn sie uns denn insgesamt voran bringen und unter fairen Vorzeichen geschehen. So wie sicherlich großteils die Ruheständler-Aktivierung, die begonnen hat und auch schon einige gute Ergebnisse gezeitigt hat. Ab dem 1. August wird es so auch endlich wieder Gottesdienst-Vergütungen für Ruheständler geben, zunächst einen Satz von 28 € pro Gottesdienst. Wir werden gemeinsam mit dem PA dafür kämpfen, dass dieser Satz auf dann hoffentlich 50€ erhöht werden wird.

Dienstwohnungen
Auch hier gibt es Licht und Schatten zu vermelden. Nachdem die Konföderation ihre Zuständigkeit für alle pfarrerrechtlichen Belange abgegeben hat, liegen diese Verantwortlichkeiten wieder in unserer Landeskirche. Wir hatten ja schon seit 2009 Neuland betreten, als es um die Frage der Anmietung von Dienstwohnungen ging, die auch nur bei uns möglich war. Hier haben wir mehrfach klare offen dargelegte Kriterien, die für alle gleichermaßen gelten, eingefordert.

Nun gelten seit dem 1.1. 2015 auch neue Dienstwohnungsvorschriften. Auch hier hätten wir uns mehr Beratungsmöglichkeiten und auch Einspruchsmöglichkeiten seitens PA wie Verein gewünscht.  Nicht befriedigend ist, dass die Vergütungen weiterhin nicht in den Gemeinden bleiben, dass die Schönheitsreparaturpauschale weiterhin zu zahlen ist, dass Garagenmieten weiterhin eingefordert werden. Insofern gehen wir davon aus, dass das letzte Wort hier noch nicht gesprochen ist und Änderungen am Regelwerk möglich bleiben.

Aber es gibt auch Licht: die Ausstattung des Amtszimmers ist – leider erst ab dem 1.1.2016 – nicht mehr Pfarrersache, sondern ab dann Angelegenheit der Kirchengemeinde, die dann dafür zuständig ist.Wir fordern das LKA auf, gerade für die BerufsanfängerInnen, diese Bestimmungen schon jetzt in Kraft zu setzen! Auch sind fortan verbesserte Ausstattungen von Pfarrhäusern bei Um- und Neubauten möglich, die über das bisher Erlaubte hinausgehen. Damit soll die Attraktivität des Gemeindepfarramtes verbessert werden. Gut so!
Bei den Umzugskosten, die auch neu geregelt wurden, ist die Begrenzung der Menge des Umzugsgutes nach engen Kriterien entfallen, es gelten im Prinzip wieder die alten Regelungen, das ist sinnvoll und angemessen.

Eine Hoffnung zuguterletzt
Der HPV wird wahrgenommen, in der Synode, in der kirchlichen Öffentlichkeit, im Landeskirchenamt. Wir arbeiten daran, mit noch mehr Gremien und Verantwortungsträgern ins Gespräch zu kommen, um die Legitimität unserer Interessen deutlich machen zu können, damit wir alle vernünftige Rahmenbedingungen für einen wahrlich sehr schönen Beruf vorfinden können. Helfen Sie, helft ihr mit, dass unsere Arbeit sich auswirken kann im Sinne eines Pfarramtes mit Strahlkraft, um einen Begriff von Frau Dr. Wendebourg aufzugreifen. Erhebt Einspruch, wenn  – auch das habe ich schon erlebt – unsere Arbeit schlechtgeredet oder in ein falsches Licht gerückt wird. Gebt Mitteilung, wenn ihr von Fehlentwicklungen Kenntnis erlangt! Seien wir solidarisch untereinander und auch mit unserer Landeskirche!

Dank an alle im Vorstand und darüber hinaus,  die mitgewirkt und mitgeholfenhaben!