Pfarrer sein – ein Beruf und eine Berufung im Wandel (Der Pfarrer als Gottes Improvisator)

24. Mai 2012

unter diesem Titel, den auch sein 2011 bei Vandenhoeck erschienenes Buch trägt, referierte Herbert Pachmann (Zürich/Dübendorf) auf dem Hannoverschen Pfarrvereinstag am 12. März 2012 in Hannover.

Hier eine Zusammenfassung seines Referats:
Pachmann sieht in der gegenwärtigen kirchlichen Diskussion eine Akzentverschiebung, ja einen grundsätzlichen Paradigmenwechsel. Jahrelang habe man über Strukturen, Formen und unterschiedliche Settings diskutiert, z.B. über die Frage: „ wie können wir unser gutes Produkt besser auf dem Markt der Religionen und Sinnangebote lancieren?“ Heute gehe die Diskussion um die zentralen Inhalte. Heute müsse man erklären, warum überhaupt es lohnend sein könnte, eine Bibelstelle verstehen zu wollen.

 

 

So auch beim Pfarrberuf. Auch da sei viel über Rollen reflektiert worden. Heute stelle sich auch hier die Frage nach dem Was. Was ist ein Pfarrer und eine Pfarrerin in der Gesellschaft und einer künftigen kirchlichen Praxis?
Pachmann machte Mut, von einer Defizitperspektive wegzukommen. Auch von einem Denken, dass immer wieder um die eigene Befindlichkeit kreise. PfarrerInnen müssten frei werden für das Eigentliche und Wesentliche.
Im Blick auf den Pfarrberuf fragte er: Wo stehen wir heute? Da hätten sich herkömmliche Aufgaben erweitert, außerdem habe die Ordination von Frauen das Berufsbild facettenreicher gemacht. Die Frage nach den Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit, die für die moderne Berufswelt konstitutiv sei, habe mittlerweile auch die Pfarrer erreicht. Das Leben im Pfarrhaus sei vielschichtiger geworden, die Aufgaben der Verwaltung seien gewachsen, die Liste der Sitzungen und Tagungen sei länger geworden. Zudem habe die Zunahme an Funktionspfarrstellen sowie die Einrichtung von Teilzeitstellen das Berufsbild verändert.
Insgesamt sei die kirchliche Praxis pluraler und oft auch diffuser geworden. Hinzu komme die demografische Entwicklung, die zu einem Rückgang der finanziellen und personellen Ressourcen in der Kirche führe. Die fetten Jahre seien vorbei.
All diese Veränderungen wirkten sich auf das Berufsverständnis der Pfarrer aus.

Innerhalb der Kirche seien sie aber immer noch die einflussreichste und verlässlichste Berufsgruppe. Darum sei die Orientierung am Pfarrer nach wie vor groß. Viele Menschen bestimmten ihr Verhältnis zur Kirche vorwiegend über die Wahrnehmung des jeweiligen Pfarrers oder der Pfarrerin. Gleichzeitig sei das Profil des Pfarramtes unklarer geworden, denn die alten Rollenmuster seien ins Wanken geraten. Der Beruf sei auch weniger attraktiv geworden, wie die rückläufigen Studentenzahlen zeigten.
Was solle man nun mit solch einer Standortbestimmung machen? Pachmann sprach hier den kommenden Deutschen Pfarrertag in Hannover an, der sich der Frage widme: „Welche Pfarrer braucht das Land?“  Seiner Meinung nach werde von einer Antwort auf diese Frage viel abhängen.

Der Pfarrberuf  nehme ein vielfältiges Rollenangebot wahr. Das Amtsverständnis des evangelischen Pfarrers oszilliere zwischen dem altkirchlichen, geistlichen Bild vom Hirten und einer modernen, funktionalen Bestimmung als Manager oder Teamleiter. Irgendwo dazwischen müsse der evangelische Pfarrer sein Selbstverständnis verorten. In seinem Buch habe er einige dargestellt. Das Rollenangebot sei unendlich.

Ihm gehe es aber nicht so sehr um Rollen, sondern viel mehr um Haltungen. Er stelle sich vor, dass Pfarrer sich eine innere Haltung erarbeiteten, aus der heraus man dann souverän auch in unterschiedlichen Rollen agieren könne. Also nicht „wie sollen Pfarrer sein“, sondern „was sollen Pfarrer sein“? Sein Bezeichnung für diese Haltung: „Der Improvisator Gottes“, bei der er davon ausging, dass es feste Konstellationen für den Pfarrberuf immer weniger geben werde, er sich noch weiter ausdifferenzieren werde, schon allein im Blick auf die unterschiedlichen Gemeindesituationen. In Zukunft sei zunehmend das Improvisieren angesagt. Das meine er im positiven Sinn. Die Kunst des Improvisierens könnte sich als Kriterium für die Zukunft des Pfarrberufes erweisen.

Wie das geschehen könne, machte er am Bild des Tanzes, und zwar des Tango Argentino, deutlich. Transformiert auf den Pfarrberuf bedeute dies: es gäbe, wie beim Tanz eine Interaktion zwischen Gemeinde und Pfarrer.
Eine Gemeinde verändere dabei ihren Pfarrer und umgekehrt. Beide inspirierten einander oder verweigerten sich einander. Die Musik sei das Evangelium. Das solle getanzt, verkündet und gelebt werden. Und der Ort, wo das Ganze stattfinde, sei der Platz in der Gesellschaft, an dem Pfarrer und Gemeinde wirken.
Man müsse gern tanzen wollen, Freude daran haben. Wenn man der Gemeinde ständig suggeriere, welch schwere Bürde das Amt doch in diesen Zeiten sei, verliere die Gemeinde schnell einmal die Lust.
Er plädiere dafür, im Beruf des Pfarrers flexibel zu sein und die Kunst des Improvisieren zu beherrschen. Aufgabe sei es, das Evangelium zu kommunizieren und in vielfältiger Weise so zu inszenieren, dass Glauben geweckt und gestärkt wird.

Voraussetzung sei, dass ein Pfarrer, neben seinem bürgerlichen Leben, in stärkerem Maße als andere, auch ein geistliches Leben führe. Man erwarte dies auch von ihm, dass er nämlich die geistliche oder spirituelle Dimension in sein Berufsverständnis integriert habe.  Pfarrer und Pfarrerinnen repräsentierten für ihre Umwelt die Kirche und mit ihr den christlichen Gott.

Da gebe es natürlich eine Spannung zwischen öffentlichem und privatem Leben, wie sie andere Berufe auch kennen, doch in keinem anderen trete der Anspruch eines geistlichen Lebens hinzu und müsse sich glaubwürdig bewähren, auch in der eigenen Familie. Diese Spannung müsse er aushalten und in Balance bringen. Er habe zwei Orientierungspunkte: nahe bei Gott und nahe bei den Menschen. Pfarrer sollten sich bewusst sein, das sie auch künftig als Anschauungsfigur für gelebtes Christentum gelten.

Als Gottes Improvisatoren sollten sie mit Freude dafür wirken, dass die Würde des Pfarramtes erhalten bleibt oder neu sichtbar wird. Pfarrer akzeptierten die besonderen Belastungen und Zumutungen, die mit der Übernahme des Amtes verbunden seien, sie nähmen sie an und bewältigten sie nach bestem Vermögen und im Vertrauen auf Gott.
Wichtig sei es, dass man neben all den Herausforderungen im Pfarramt dem geistlichen Leben einen gebührenden Platz einräume. Evangelische Geistliche praktizierten Religion. Also: Pfarrer beten, segnen, fasten, vergeben, schweigen und vollziehen Rituale und machten damit den Glauben auch sinnlich erfahrbar, nicht nur durch Reden.

Bei dem allen seien evangelische Geistliche Grenzgänger. Sie seien in unterschiedlichen Bereichen und Zeiten unterwegs: zwischen bürgerlichen und geistlichen Anforderungen, zwischen drinnen und draußen von Kirche, zwischen Tradition und Moderne, zwischen gegensätzlichen Kulturen, zwischen Gott und Welt. Und so agierten sie bisweilen wie Seiltänzer und seien darauf aus, die Milieuverengung der Kirche aufzubrechen. Pfarrer und Pfarrerinnen eben als Improvisatoren Gottes.

Er warne daher vor einer Euphorie für das teilzeitliche Pfarramt. Er sei in Sorge, dass sonst der Pfarrberuf weiter „verjobbt“ werde und damit auch ersetzbar. Tendenzen dazu gäbe es. Deshalb solle sich die Pfarrerschaft gegen ein Übermaß an Teilzeitstellen aussprechen. Dass die Teilzeit-Settings, vor allem in großen Gemeinden, einen hohen Preis hätten, bleibe gern unerwähnt. So steige für die Gemeinde der administrative Aufwand, ebenso entstehe für die Mitarbeitenden ein Mehraufwand an Planungs-, Kommunikations- und Koordinationsleistungen, der viel Zeit und Kraft verschlinge und nicht selten zu Reibungsverlusten führe. Hinzu komme, dass Teilzeitstellen in stärkerem Masse klärende Strukturen bräuchten und häufig zu überarbeiten seien. Es sei aufreibend, wenn der Stelleninhaber die Konditionen ständig neu aushandeln müsse. (Man spürte hier die eigene Erfahrung des Referenten.) Gegenwärtig wachse vor allem die Zahl von ungewollten Stellenreduktionen.
In jedem Fall stünden Teilzeitler vor der Aufgabe, Abgrenzungstechniken entwickeln und praktizieren zu müssen. Es käme zum Denken in Segmenten, Schwerpunkten und Zuständigkeiten. Man könne und wolle nicht mehr für das Ganze der Gemeinde verantwortlich sein. Aus dem verlässlichen Amt werde eine Teilzeitbeschäftigung mit Stundenerfassung. Der Schritt von der Berufung zum Job sei damit kurz geworden.
Aus dieser Sicht lege es sich nahe, den Enthusiasmus mancher Kirchen- und Gemeindeleitungen, die pastorale Teilzeitstellen als besonders fortschrittlich propagieren, zu bremsen.
Es gäbe ja auch Meinungen, man solle das Pfarramt im herkömmlichen Sinne abschaffen und die Pfarrer den anderen Mitarbeitern gleichstellen. Dies löse nicht nur Unsicherheit und Frust aus, sondern stelle auch die Anerkennung des Bisherigen infrage und ließe mangelnde Wertschätzung erkennen. Tendenzen in diese Richtung schlichen sich eher leise ein. Die Verfassungen und Personalreglemente der LK würden überarbeitet und die Stellung des Pfarrers heruntergestuft. Offiziell solle das Pfarramt aufgewertet werden, doch de facto werde es beschnitten.
Die Pfarrerschaft müsse hier gegenhalten und zeigen, dass sie eine gute Arbeit mache und gute Ideen für die Kirche der Zukunft und für die Gesellschaft habe. Die Leute sollten erkennen: Die sind gut, die Pfarrer. Solche braucht es. Die kennen das Leben und die biblische Botschaft. Da ist Klarheit und Kraft dahinter.

In einem letzten Punkt gehe es ihm daher um den öffentlichen Auftritt als Geistlicher.
Das Pfarramt sei ein öffentliches Amt und daher naturgemäß auch mit öffentlichen Auftritten verbunden. Das sei nicht einfach, da sie eben nicht nur binnenkirchlich, sondern auch nach außen in den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Milieus kommunizieren und Kirche vertreten sollen. Wenn es zum Beispiel gelinge, Menschen durch einen öffentlichen Auftritt zu bewegen, der Kirche und ihren Anliegen mit größerem Interesse und Respekt zu begegnen, dann gehöre das zu den Erfolgserlebnissen im Pfarreralltag. Kirche repräsentieren könne Freude machen und Wirkung erzielen. Auch Kirchenferne wollten spüren, wofür des Pfarrers Herz schlage, selbst wenn sie anderer Meinung seien.
Es sei keine Nebensächlichkeit und habe durchaus Gewicht, wie Pfarrer in der Öffentlichkeit wahrgenommen würden. Geschätzt und respektiert werde die Pfarrerin, die erkennbar und ohne Arroganz als Geistliche auftrete, zuhöre, eigene Meinungen vertrete, zum Dialog inspiriere und diesen klug führe.

In seiner Schlussbemerkung zitierte Pachmann Karl Rahner: „Der Christ von morgen wird ein Mystiker sein, oder er wird nicht mehr sein.“
Er würde soweit natürlich nicht gehen. Aber abgewandelt könnte man vielleicht sagen: Der Pfarrer von morgen werde ein Geistlicher sein, oder er werde – ja, was solle er jetzt sagen? – oder er werde überflüssig. Denn alles andere könnten andere auch – und oft gar nicht weniger gut.

 

 

Herbert Pachmann

 

(Anmerkung des Schriftleiters: Das Referat von Dr. Herbert Pachmann wurde von mir stark gekürzt. Wer es in ungekürzter Fassung nachlesen möchte, der wende sich bitte an die Geschäftstelle. Die ausführliche Fassung kann gerne als E-Mail zugeschickt werden – Anneus Buisman).

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